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Fragen & Antworten

Antwort auf eine Frage: Die Ereignisse in Syrien und der Sturz des Assad-Regimes

December 21, 2024
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Frage:

Die Zeitung Asharq Al-Awsat veröffentlichte am 08.12.2024: (Das Assad-Regime ist gestürzt: Die syrische Opposition gab am heutigen Sonntag bekannt, dass sie Damaskus befreit und die 24-jährige Herrschaft von Präsident Baschar al-Assad beendet hat. In einer Erklärung der Opposition im Staatsfernsehen hieß es: „Mit Gottes Lob wurde die Stadt Damaskus befreit und der Tyrann Baschar al-Assad gestürzt.“ Die Opposition fügte hinzu, dass alle Gefangenen freigelassen wurden).

Zuvor hatte die Gruppe Hay'at Tahrir al-Scham (HTS) am 27.11.2024 die Offensive im Norden Syriens unter dem Titel „Abwehr der Aggression“ begonnen, gefolgt von der Syrischen Nationalarmee (SNA) mit ihrer Offensive „Morgenröte der Freiheit“ am 30.11.2024. Innerhalb von etwa zehn Tagen wurde die Kontrolle über Aleppo übernommen, die Kontrolle über ganz Idlib vervollständigt und anschließend Hama, Homs und heute schließlich Damaskus eingenommen. Was ist die Realität dessen, was in Syrien geschieht? Vielen Dank.

Antwort:

Um die Angelegenheit zu klären, müssen die folgenden Tatsachen betrachtet werden:

Erstens: Die Fraktionen, die den Angriff begannen: Laut BBC vom 28.11.2024 sind die am Angriff beteiligten Fraktionen die „Operationszentrale al-Fath al-Mubin“, die von HTS angeführt wird und die von der Türkei unterstützte „Nationale Befreiungsfront“ sowie die Gruppe „Dschaisch al-Izza“ umfasst. Hinzu kommt die Syrische Nationalarmee (SNA), die ein Bündnis von der Türkei unterstützter Oppositionsgruppen darstellt und nicht in die Operationszentrale al-Fath al-Mubin eingebunden ist. Somit sind der Großteil der am Angriff beteiligten Fraktionen Gruppen, die der Türkei unterstehen oder ihr gegenüber loyal sind. Die SNA ist ihr Produkt, und HTS agiert unter den Augen der Türkei; die Annäherung zwischen HTS und der Türkei ist für jeden Beobachter offensichtlich.

Zweitens: Diese Bewegungen waren anfangs eher eine „Erziehungsbotschaft“ an Baschar al-Assad, weil dieser nicht auf die Forderungen Erdoğans reagierte. Erdoğan hatte den russischen Präsidenten Putin gebeten: („darauf hinzuwirken, die Normalisierungsgespräche zwischen Ankara und Damaskus voranzutreiben, und dass Baschar die Einladung zu einem Treffen annimmt“... Reuters, 25.10.2024). Baschar jedoch reagierte nicht, sondern forderte den Abzug der türkischen Truppen, stellte Bedingungen und zögerte die Dinge hinaus. Dies bestätigte auch der russische Vermittler Lawrow gegenüber der türkischen Zeitung Hürriyet am 01.11.2024, indem er sagte, dass Baschar den Abzug der türkischen Truppen fordere: „...dass das Haupthindernis hierfür die Präsenz türkischer Truppen im Norden Syriens ist.“ Daraufhin wurde Erdoğan zornig und gab HTS und der SNA grünes Licht für den Vormarsch: (Quellen aus der Opposition, die in Kontakt mit dem türkischen Geheimdienst stehen, sagen, dass Ankara grünes Licht für den Angriff gegeben hat. Deutsche Welle, 30.11.2024).

Drittens: Obwohl dieser Vorstoß ursprünglich dazu diente, die Deeskalationszonen um Idlib zu befreien – motiviert durch Baschars Ablehnung der türkischen Verhandlungsangebote für eine politische Lösung zwischen ihm und der Opposition –, nutzten große Teile der Bevölkerung, die unter Baschars Tyrannei litten, die Situation aus. Sie stießen an allen Fronten vor und hielten sich nicht an die ursprünglich geplanten Grenzen der Deeskalationszonen um Idlib, sondern überschritten diese in verschiedenen Regionen Syriens. Da auch die syrische Armee unter Baschars Unrecht litt und keine Überzeugung besaß, ihn zu verteidigen, kam es zu einer Reihe von Rückzügen. Infolgedessen drangen die Volksmassen nach den Deeskalationszonen in Aleppo, Hama und dann Homs ein, bis die Bewegung des syrischen Volkes schließlich Damaskus erreichte. All dies geschah in einem rasanten Tempo innerhalb von zehn Tagen seit Beginn der Bewegungen am 27.11.2024.

Viertens: Die Positionen der regionalen und internationalen Akteure

  1. Iran und Russland: Sie waren schockiert über das Geschehen. Russland verstärkte die Sicherheit auf dem Luftwaffenstützpunkt Hmeimim und dem Marinestützpunkt Tartus. Beide Länder hielten Kontakt (der iranische Außenminister Araghchi erörterte mit seinem russischen Amtskollegen Lawrow die Entwicklungen in Syrien... Anadolu, 30.11.2024). Nach diesem Angriff bemühte sich der Iran diplomatisch, den Vormarsch zu stoppen und die Probleme mit der Türkei zu lösen. So traf Außenminister Abbas Araghchi am 02.12.2024 in Ankara ein und kam mit seinem türkischen Amtskollegen Hakan Fidan zusammen, welcher wiederum mit dem US-Außenminister Blinken sprach und sagte: („Dass der politische Prozess zwischen dem Regime und der Opposition zu positiven Ergebnissen für Frieden und Ruhe in Syrien führen müsse“... Anadolu, 01.12.2024).

  2. Die Türkei: Sie wollte eine politische Lösung mit Baschar durch friedliche Verhandlungen, so wie es auch Amerika wollte. Baschar jedoch dachte, er könne Vorteile erlangen, indem er nicht schnell reagierte. Seine Antworten auf Erdoğans Angebote waren von Hinhaltetaktik geprägt, in der Annahme, dies würde Amerika nicht erzürnen. Es scheint, dass Erdoğan darüber verärgert war und die Zustimmung Amerikas einholte, um Baschar eine Lektion zu erteilen, damit die Verhandlungslösung in einer Atmosphäre militärischer Auseinandersetzungen stattfindet, die oberflächlich wie ein Sieg Erdoğans über Baschar aussieht. Infolgedessen trieb er die Oppositionsfraktionen zum Angriff an und unterstützte sie mit den notwendigen Waffen und Geheimdienstinformationen:

    • a- Erdoğan sagte am 25.10.2024 vor Journalisten nach seinem Treffen mit Putin am Rande des BRICS-Gipfels in Kasan, dass er („den russischen Präsidenten Putin gebeten habe, darauf hinzuwirken, die Normalisierungsgespräche zwischen Ankara und Damaskus voranzutreiben, und dass Baschar die Einladung zu einem Treffen annimmt“... Reuters, 25.10.2024).
    • b- Die russischen Vermittler antworteten Erdoğan mehrfach, dass Baschar al-Assad Bedingungen für ein Treffen und eine Normalisierung stelle, darunter den Abzug der türkischen Truppen aus Syrien. Lawrow bestätigte der Zeitung Hürriyet am 01.11.2024: „Sowohl die Türkei als auch Syrien zeigen ernsthaftes Interesse an der Wiederaufnahme des Dialogs zur Normalisierung der Beziehungen, und das Haupthindernis dabei ist die Präsenz türkischer Truppen im Norden Syriens.“ Dies deutet auf die Sturheit Baschars hin, der Erdoğans verzweifelte Haltung zur Normalisierung sowie die Unterstützung arabischer Staaten ausnutzte; er glaubte, dass Amerika ihn immer noch wolle, da es keine Alternative zu ihm gefunden habe!
    • c- Als das türkische Regime die Hoffnung auf eine Verhandlungslösung mit Baschar unter diesen Bedingungen aufgab, holte es die Zustimmung Amerikas ein, die Verhandlungslösung durch eine militärische Druckphase einzuleiten. So setzte Erdoğan die bewaffneten Fraktionen ab dem 27.11.2024 in Bewegung. Dies wird dadurch belegt, dass das türkische Regime ihnen den Startschuss gab, um Druck auf das Assad-Regime auszuüben, d. h. mit grünem Licht der Türkei (Deutsche Welle, 30.11.2024). Ziel war es, Baschar dazu zu bringen, sich mit Erdoğan an einen Tisch zu setzen, die Beziehungen zur Türkei zu normalisieren, sich mit der Opposition auszusöhnen und schließlich eine politische Lösung nach amerikanischen Vorgaben zu akzeptieren! Also eine „neue Phase“ für Syrien, wie Erdoğan während eines Telefonats mit UN-Generalsekretär Guterres sagte (Der türkische Präsident Tayyip Erdoğan betonte am Donnerstag, dass Syrien in eine neue Phase eintritt, die ruhig verwaltet wird... Arabi21, 05.12.2024).
  3. Amerika: Es war vom Angriff der syrischen Opposition nicht überrascht. Der nationale Sicherheitsberater der USA, Jake Sullivan, sagte: („Es hat uns nicht überrascht, dass die bewaffnete syrische Opposition die neuen Umstände ausgenutzt hat.“ Al Jazeera, 01.12.2024). Es zeigte keine Beunruhigung. Laut Al Jazeera (01.12.2024) erklärte das Weiße Haus: („Wir beobachten die Situation in Syrien und haben in den letzten 48 Stunden Kontakte zu regionalen Hauptstädten aufgenommen...“). Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der USA, Sean Savett, sagte: („Die Vereinigten Staaten drängen zusammen mit ihren Partnern und Verbündeten auf Deeskalation, den Schutz von Zivilisten und Minderheiten sowie den Beginn eines ernsthaften und glaubwürdigen politischen Prozesses, der diesen Bürgerkrieg ein für alle Mal durch eine politische Beilegung beenden kann, die im Einklang mit der UN-Sicherheitsratsresolution 2254 steht.“ RT, 01.12.2024). Al Jazeera berichtete am 02.12.2024: (Das US-Außenministerium gab eine Erklärung ab, in der es hieß: „Die aktuelle Eskalation unterstreicht die dringende Notwendigkeit einer politischen Lösung des Konflikts unter syrischer Führung im Einklang mit der UN-Sicherheitsratsresolution 2254“), in Anspielung auf die UN-Resolution von 2015, die den Friedensprozess in Syrien festlegte und bis heute nicht umgesetzt wurde. Diese sieht den Beginn von Friedensgesprächen im Januar 2016 vor, betont das Selbstbestimmungsrecht des syrischen Volkes, fordert die Bildung einer Übergangsregierung, Wahlen unter UN-Aufsicht und den sofortigen Stopp aller Angriffe auf Zivilisten. Al-Hurra berichtete am 04.12.2024: (Blinken betrachtete es als das Wichtigste zum jetzigen Zeitpunkt... einen politischen Prozess voranzutreiben, der auf der Grundlage der UN-Sicherheitsratsresolution basiert, um den Bürgerkrieg in Syrien zu lösen und zu beenden). Die Agentur Khabar berichtete am 07.12.2024: (Das türkische Außenministerium erklärte: Wir haben Blinken über die Notwendigkeit informiert, dass die syrische Regierung einen Dialog mit der Opposition führt).

  4. Die Entität der Juden: Euronews Arabic berichtete am 30.11.2024: (Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu verkündete am vergangenen Dienstagabend den Israelis die Annahme eines Waffenstillstands mit der Hisbollah. In seiner Rede vergaß Netanjahu nicht, auf den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad hinzuweisen und sagte: „Assad spielt mit dem Feuer“. Nur wenige Stunden nach dieser Rede starteten die syrischen Fraktionen den koordinierten Angriff gegen Assads Truppen in Nordsyrien, was viele Fragen aufwarf. Netanjahu hielt eine spezielle Sicherheitssitzung zu den Entwicklungen in Nordsyrien ab, was laut israelischen Medien für eine solche Angelegenheit ungewöhnlich ist). Al Jazeera berichtete am 01.12.2024 unter Berufung auf Yedioth Ahronoth: (Dass die israelische Armee ein iranisches Flugzeug an der Landung in Syrien hinderte, unter dem Verdacht, es trage Waffen für die libanesische Hisbollah). Es scheint, als wolle die Entität der Juden verhindern, dass der Iran mit Nachdruck auf die syrische Bühne zurückkehrt, unter dem Vorwand von Waffenlieferungen an die Hisbollah im Libanon. Sie wollen keine militärische Konzentration des Irans oder der „Partei des Irans“ (Hisbollah) in Syrien und damit auch nicht im Libanon.

Fünftens: Zusammenfassend ergibt sich aus dem oben Dargelegten Folgendes:

  1. Die Seite, die den Beginn der Angriffe auf die Deeskalationszonen in Syrien steuerte, ist die Türkei und hinter ihr Amerika.
  2. Sie wollen damit den „Beginn eines ernsthaften politischen Prozesses“... eine „neue Phase“... zur Neuordnung des Systems in Syrien. Ich wiederhole einige Erklärungen amerikanischer und türkischer Beamter dazu: (Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der USA, Sean Savett, sagte: „Die Vereinigten Staaten drängen zusammen mit ihren Partnern und Verbündeten auf Deeskalation, den Schutz von Zivilisten und Minderheiten sowie den Beginn eines ernsthaften und glaubwürdigen politischen Prozesses, der diesen Bürgerkrieg ein für alle Mal durch eine politische Beilegung beenden kann, die im Einklang mit der UN-Sicherheitsratsresolution 2254 steht.“ RT, 01.12.2024). (Der türkische Präsident Tayyip Erdoğan betonte am Donnerstag, dass Syrien in eine neue Phase eintritt, die ruhig verwaltet wird... Arabi21, 05.12.2024).
  3. Auch wenn sie nicht explizit darlegen, was sie mit der politischen Lösung meinen, zu der diese Angriffe führen sollen, lässt die Realität der Vielzahl der nun an den Fronten kämpfenden Kräfte vermuten, dass Amerika und seine Gefolgsleute ein syrisches Koalitionssystem zwischen diesen Kräften planen, welches das untergegangene Regime des Tyrannen ablöst. Dabei könnte es Gebiete mit Autonomie geben, ähnlich der kurdischen Autonomieregion im Irak.
  4. Da Amerika die Lösung kontrolliert, wird es sicherstellen, dass diese die Interessen der Juden wahrt, so wie Amerika dies für sie im Waffenstillstandsabkommen zwischen den Juden und dem Libanon am Morgen des 27.11.2024 garantierte – am selben Tag, an dem die militärische Konfrontation in Syrien begann. Damit soll verhindert werden, dass der Iran mit militärischer Wucht auf die syrische Bühne zurückkehrt, um seine Partei im Libanon zu unterstützen; das heißt, die militärische Landverbindung zwischen dem Iran und seiner Partei im Libanon soll gekappt werden.

Dies sind die Dinge, auf welche die oben aufgeführten Erklärungen der amerikanischen und türkischen Beamten zum Beginn der Angriffe in Syrien hindeuten.

Sechstens: Schließlich ist das, was heute in Syrien an Blutvergießen, zerstörten Häusern und vertriebenen Familien geschah und geschieht, äußerst schmerzlich. Besonders da es dazu dient, eine politische Lösung und eine neue Phase herbeizuführen, die sich nicht weit von den bestehenden säkularen, zivilen Systemen in den Ländern der Muslime entfernt, nachdem es den kolonialistischen Ungläubigen und ihren Agenten vor hundert Jahren gelang, das Regierungssystem im Islam (das Kalifat) zu vernichten. Daraufhin fielen die Nationen über uns her, wie Speisende über ihre Schüssel. Dennoch wird die Umma wieder zu Ehre und Würde zurückkehren, wie sie es einst war, und das Rechtgeleitete Kalifat wird mit Gottes Erlaubnis von Neuem entstehen. Doch das Gesetz Allahs sieht nicht vor, dass Engel vom Himmel herabsteigen, um uns ein Kalifat zu errichten, während wir untätig dasitzen, sondern dies geschieht durch die Hände von Männern, die an ihren Herrn glauben und denen Er die Rechtleitung mehrte. Es mangelt uns nicht an solchen Männern, seien sie in der Armee oder in der Opposition, auch wenn sie wenige sein mögen. Wer die Ereignisse der letzten zehn Tage verfolgt, sieht, dass diejenigen, die dem Regime Widerstand leisten, nicht nur jene sind, welche die Konfrontation mit dem Regime als Gefolgsleute der Türkei und Amerikas begannen, um den säkularen Wechsel von einer Schulter auf die andere zu vollziehen. Vielmehr haben sich andere unter die Kämpfenden gemischt, die unter dem Unrecht des Regimes gelitten haben und dessen Sturz wollen, um die Wünsche des muslimischen syrischen Volkes zu erfüllen. An diese richten wir den Aufruf: Setzt alles daran, die korrupten, säkularen politischen Lösungen zu vereiteln, welche die kolonialistischen Ungläubigen und ihre Agenten anstreben. Lasst eure Opfer in diesen Ereignissen nicht umsonst gewesen sein! Unterstützt diejenigen, die für die Errichtung der Herrschaft des Islam, des Rechtgeleiteten Kalifats, arbeiten, damit ihr einen gewaltigen Lohn und den großartigen Sieg erlangt. Dann werdet ihr zu jenen gehören, denen die frohe Botschaft gebührt:

نَصْرٌ مِنَ اللهِ وَفَتْحٌ قَرِيبٌ وَبَشِّرِ الْمُؤْمِنِينَ

„Hilfe von Allah und ein naher Sieg. Und verkünde den Gläubigen die frohe Botschaft.“ (Sure as-Saff [61]: 13)

  1. Dschumada al-Achira 1446 n. H. 08.12.2024 n. Chr.

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