Frage: Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die aktuelle Ukraine-Krise in Wirklichkeit eine Krise Russlands mit dem Westen ist und nicht bloß ein Streit zwischen Russland und der Ukraine. Einige vergleichen sie mit der schrittweisen Besetzung der Tschechoslowakei durch Nazi-Deutschland im Jahr 1939 und anschließend Polens, bis der Zweite Weltkrieg ausbrach. Könnte der russische Angriff auf die Ukraine am 24.02.2022 und dessen Fortdauer bis heute zu einem Weltkrieg führen? Entsprechen die Reaktionen der USA und Europas – die Verhängung von Sanktionen ohne militärisches Eingreifen – diesem Angriff? Oder ist es eine Falle für Russland, damit es im „Sumpf“ der Ukraine versinkt? Wenn ja, was ist der Zweck dahinter? Vielen Dank.
Antwort: Um das Bild bezüglich dieser Fragen zu verdeutlichen, betrachten wir die folgenden Punkte:
Erstens: Die vergangenen Tage haben zweifellos bewiesen, dass der russische Präsident an Größenwahn leidet. Er glaubt, dass Russland unter den derzeitigen internationalen Bedingungen seinen Status als Weltmacht an der Seite Amerikas wiedererlangen kann. Er kritisiert bitterlich die respektlose Art und Weise, wie der Westen mit Russland umgeht, bemängelt dessen Marginalisierung in internationalen Angelegenheiten sowie das Vorrücken der NATO nach Osten. Er fordert den Abzug der US-Militärstützpunkte aus jenen Ländern, die der NATO nach 1997 beigetreten sind, also aus Polen, Rumänien und anderen osteuropäischen Staaten. Was diesen Größenwahn deutlich unterstreicht, ist:
Putin empfing die Staatschefs von Frankreich, Deutschland und dem Iran auf diplomatisch unangemessene Weise, ebenso kurz zuvor den Präsidenten der Türkei. Einige von ihnen mussten in Hallen auf ihn warten, die mit Symbolen russischer Siege gefüllt waren. Der russische Sicherheitsdienst verlangte vom französischen Präsidenten Macron bei seiner Ankunft am Flughafen einen Corona-Test. Putin saß in einem Abstand von sechs Metern zu ihnen, während er dies bei den Präsidenten von Kasachstan und Belarus, die ihn im selben Zeitraum besuchten, nicht tat. Zudem signalisierte er dem deutschen Bundeskanzler, hinter ihm zu gehen, als sie den Saal der Pressekonferenz verließen!
Putins explizit erklärte Sicht auf die Ukraine ist, dass sie kein Staat sei und dass Russland ihr Territorium gegeben habe, um einen Staat zu bilden, und sie über Jahrzehnte mit 150 Milliarden Dollar unterstützt habe. Er bezeichnete deren Herrscher als Besatzer in Kiew. All dies deutet darauf hin, dass er in der eurasischen Region (dem Treffpunkt von Europa und Asien) nur Russland sieht. Diese Sicht auf die eurasische Region und Russlands zentraler Stellung darin war es auch, die ihn dazu veranlasste, Anfang 2022 Truppen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit nach Kasachstan zu entsenden, um den dortigen Aufstand unter Kontrolle zu bringen.
Putin scherte sich nicht um die Beleidigung aller europäischen Länder, als er Sicherheitsgarantien für Russland in Europa von den USA forderte, trotz der anfänglich breiten Kritik aus Frankreich und anderen Staaten, die forderten, dass die Sicherheit Europas primär in den Händen der Europäer liegen müsse. Putin tat dies, weil er sich als ebenbürtig mit den USA sieht, nicht mit den europäischen Staaten. Als Macron während seines Russlandbesuchs eine Vermittlung anbot, entgegnete Putin, dass Frankreich nicht die NATO anführe.
Zweitens: Der Kreml gab in einer Erklärung bekannt, dass der russische Präsident Putin seinem französischen Amtskollegen Macron am 28.02.2022 in einem Telefonat die Bedingungen Russlands für ein Ende des Krieges mitgeteilt hat: „Die Anerkennung der russischen Souveränität über die Krim, die Entmilitarisierung des ukrainischen Staates, dessen Entnazifizierung und die Gewährleistung seines neutralen Status.“ (AFP, 28.02.2022). Wir haben bereits in einer Beantwortung einer Frage vom 22.12.2021 Folgendes erwähnt: „Die aktuelle Krise offenbart somit, dass Russland erstens darauf abzielt, den Verbleib der Krim als Teil Russlands nicht infrage stellen zu lassen, sondern dies als vollendete Tatsache durch internationale amerikanisch-europäische Anerkennung festschreiben will. Das zweite Ziel ist, dass die Ostukraine der Autorität der Ukraine entzogen wird und faktisch als Teil Russlands gilt. Das dritte und einflussreichste Ziel ist die Verhinderung eines NATO-Beitritts der Ukraine, wofür Garantien verlangt werden.“ Dies bestätigte der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu: „Die Streitkräfte seines Landes werden die militärische Spezialoperation in der Ukraine fortsetzen, bis ihre Ziele erreicht sind. Die westlichen Länder müssen aufhören, Militäranlagen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu errichten, die nicht NATO-Mitglieder sind. Die westliche Welt nutzt das ukrainische Volk im Kampf gegen Russland aus. Das Wichtigste ist, Russland vor der militärischen Bedrohung durch die westlichen Länder zu schützen.“ (Anadolu, 01.03.2022). Daher ist diese Krise eine der größten globalen Krisen der Neuzeit und wird einen erbitterten Konflikt zwischen Russland und dem Westen darstellen. Es ist unwahrscheinlich, dass Russland stoppt, bevor es seine Ziele erreicht hat, andernfalls wären seine Verluste fatal. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass der Westen diese Bedingungen akzeptiert. Daher haben die aktuellen Umstände die Schärfe dieser Krise so weit gesteigert, dass sogar mit Atomwaffen gedroht wurde. Der Sprecher des russischen Präsidialamtes, Peskow, gab bekannt, dass „Präsident Wladimir Putin angeordnet hat, die strategischen Abschreckungskräfte Russlands in volle Kampfbereitschaft zu versetzen“ (TASS, 28.02.2022), was defensive, nicht offensive Atomwaffen einschließt. Die strategischen Abschreckungskräfte unterteilen sich in strategische Offensivkräfte und strategische Defensivkräfte. Das russische Verteidigungsministerium gab bekannt, dass es „die strategischen Raketentruppen, die Nord- und Pazifikflotten sowie die strategische Luftfahrt in Alarmbereitschaft versetzt hat“ (RIA Nowosti, 28.02.2022). Russland bekräftigte durch Außenminister Sergei Lawrow seine Forderungen: „Die Erlangung rechtlich verbindlicher Sicherheitsgarantien seitens der NATO-Staaten ist für Russland von grundlegender Bedeutung“ (TASS, 01.03.2022). Daher gibt es vonseiten Russlands unter diesen Umständen kein Zurückweichen von seinen Zielen, es sei denn, die Ukrainer leisten heftigen Widerstand und setzen diesen fort, so wie es die afghanischen Mudschaheddin in den 1980er Jahren gegen die Sowjetunion taten.
Drittens: Die Position der USA: Es ist offensichtlich, dass die USA alles daran gesetzt haben, Russland durch Täuschung und Provokation in den ukrainischen Sumpf zu locken:
Die USA reagierten nicht auf Russlands Forderungen nach Sicherheitsgarantien, sondern arbeiteten daran, es in der Ukraine zu verwickeln. Sie ließen die ukrainische Regierung Russland provozieren, indem sie Angriffe im Osten in der Donbass-Region starteten. Verstärkt wurde diese Provokation durch Erklärungen der USA, wie etwa Bidens Aussage während einer Pressekonferenz am 19.01.2022: „Meine Vermutung ist, dass er (Putin) einmarschieren wird, er muss etwas tun. Russland wird zur Rechenschaft gezogen, wenn es einmarschiert, und hier kommt es darauf an, was es tut. Es wäre etwas anderes, wenn es sich um ein geringfügiges Eindringen (minor incursion) Russlands in die Ukraine handelt, das vielleicht keinen so hohen Preis hätte, im Gegensatz zu einer umfassenden Invasion“ (CNN, 20.01.2022). Daraufhin sagte ein nicht namentlich genannter ukrainischer Beamter gegenüber CNN: „Biden gibt dem russischen Präsidenten Putin grünes Licht für den Einmarsch in die Ukraine. Kiew ist fassungslos über diese Aussagen!“
Als die russische Militäroperation gegen die Ukraine begann, erklärte US-Präsident Biden: „Amerika wird nicht eingreifen, wenn Russland in die Ukraine eingreift, aber wenn es in NATO-Staaten eingreift, wird es eingreifen.“ Er kündigte die Entsendung von etwa 7.000 US-Soldaten nach Deutschland an. Zuvor hatten die USA bereits rund 5.000 Soldaten in Deutschland, Polen und Rumänien stationiert. Zudem kündigte er ein Sanktionspaket gegen Russland an. Biden sagte: „Unsere Truppen sind nicht nach Europa gegangen, um in der Ukraine zu kämpfen, sondern um unsere NATO-Verbündeten zu verteidigen und die Verbündeten im Osten zu beruhigen“ (Al Jazeera, 24.02.2022). Dies bekräftigte er in der Rede zur Lage der Nation: „Die Truppen seines Landes werden sich an keinem Kampf gegen Russland beteiligen, aber sie werden das Vorrücken russischer Truppen nach Westen in Richtung anderer europäischer Länder verhindern. Sie werden jeden Zentimeter des Territoriums eines jeden NATO-Mitgliedsstaates verteidigen“ (Al Jazeera, 02.03.2022). Zudem kündigte er die Schließung des Luftraums für russische Flugzeuge an, wie es auch die europäischen Staaten und Kanada taten. Diese Erklärungen des US-Präsidenten ermutigten Russland und bestärkten es darin, seine Militäroperation in der Ukraine durchzuführen und fortzusetzen. Dem folgten entsprechende Erklärungen der NATO. Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte während einer Pressekonferenz mit dem polnischen Präsidenten in Warschau am 01.03.2022: „Die NATO wird keine Partei in diesem Konflikt sein. Sie wird der Ukraine jedoch jede Art von militärischer Unterstützung gewähren, aber keine Soldaten dorthin entsenden. Das Bündnis ist defensiv und sucht keine Konfrontation mit Russland. Wir versuchen der Ukraine so weit wie möglich zu helfen, und die NATO-Verbündeten haben Russland einen hohen Preis auferlegt“ (Anadolu, 01.03.2022). Er sprach exakt die amerikanische Meinung aus.
Die USA verhielten sich gegenüber Russland provozierend. Russland wartete auf ein Treffen seines Außenministers Lawrow mit dem US-Außenminister Blinken in Genf am 24.02.2022, doch Blinken sagte den Besuch ab. (US-Außenminister Antony Blinken erklärte gestern, Dienstag, dass er das geplante Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergei Lawrow abgesagt habe, nachdem Moskau die beiden separatistischen Regionen in der Ostukraine anerkannt und Truppen dorthin entsandt hatte. Blinken sagte während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba in Washington: „Nachdem wir nun gesehen haben, dass die Invasion begonnen hat und Russland eindeutig jede diplomatische Option abgelehnt hat, macht es derzeit überhaupt keinen Sinn, sich zu treffen“ Al-Bayan, 23.02.2022). Dies ließ das Treffen scheitern, bevor es stattfand, und provozierte Russland. Dann häuften sich die provokanten US-Warnungen vor einer russischen Invasion der Ukraine, während Russland erklärte, keine Invasion zu planen. Alles, was aus Washington kam, war für Russland provozierend, als wolle man es zur Invasion der Ukraine drängen. Die USA trieben Russland weiter zur Invasion, indem sie mehrfach erklärten, sie würden nicht in der Ukraine kämpfen, da diese kein NATO-Mitglied sei. Gleichzeitig erhöhten die USA die Lieferungen neuer Waffen an die Ukraine, die täglich von US-Flugzeugen transportiert wurden, einschließlich Lieferungen von US-Stinger-Raketen und Panzerabwehrwaffen!
Dann steigerten die USA das Tempo ihrer Ankündigungen über eine bevorstehende russische Invasion und gaben an, dies basiere auf Geheimdienstinformationen. Dadurch wuchs das internationale Gefühl der Gefahr, und alle warteten stündlich auf die russische Invasion, angeheizt durch die Äußerungen von Präsident Biden, seinem Außenminister, dem Verteidigungsminister und ihren Sprechern sowie der US-Presse. Zudem verschärften die USA das Risiko eines Krieges in der Ukraine, als sie beschlossen, ihre Mitarbeiter der Beobachtermission an der Kontaktlinie in der Donbass-Region zwischen der Ukraine und den Separatisten abzuziehen. Diese US-Mitarbeiter waren Teil der europäischen Sicherheitsmission. Russland empfand deren Abzug als große Gefahr. Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, sagte: („Einige Länder“ haben beschlossen, ihre Staatsbürger, die in der Sonderbeobachtermission der Organisation in der Ukraine tätig sind, unter dem Vorwand der „Verschlechterung der Sicherheitsbedingungen“ abzuziehen. Sacharowa fügte hinzu, dass diese Entscheidungen bei Moskau große Besorgnis auslösen, und warnte davor, „die Mission vorsätzlich in die von Washington geschürte militärische Hysterie hineinzuziehen und sie als Werkzeug für eine mögliche Provokation zu missbrauchen“. Sada Elbalad, 13.02.2022). Das bedeutet, dass Russland möglicherweise sah, dass die USA den hochempfindlichen Donbass-Konflikt anheizen wollten – einen Konflikt, der seit 2015 „eingefroren“ war.
Diese Zunahme der US-Provokationen gegenüber Russland fiel zeitlich mit der Ankündigung der USA zusammen, dass sie die Gasversorgung für den europäischen Kontinent fast gesichert hätten, als Ersatz für das Erdgas aus Russland. Man erwartete, dass Russland die Lieferungen einstellen würde oder die ukrainischen Versorgungsleitungen durch den Krieg beeinträchtigt würden. Dies bedeutete den Ausschluss Russlands vom europäischen Markt und die Schaffung von Alternativen durch US-amerikanisches und katarisches Gas sowie durch asiatische Importeure, insbesondere Japaner mit Termingaskontrakten. Dies geschah angesichts des milden Winters und des nahenden Frühlings, wenn der Bedarf an Erdgas geringer ist. Dann ereigneten sich extrem gefährliche Vorfälle im fernen Osten Russlands: Das russische Militär gab bekannt, dass ein US-Atom-U-Boot in russische Hoheitsgewässer bei den Kurilen-Inseln eingedrungen sei und nicht auf russische Warnungen reagiert habe. Russische Schiffe hätten daraufhin härtere Maßnahmen ergriffen, um es zum Rückzug zu zwingen; der Prozess der Vertreibung aus den Gewässern habe drei Stunden gedauert. Diese Kurilen-Inseln sind japanische Inseln, die Russland im Zweiten Weltkrieg besetzt hat und die Japan weiterhin beansprucht. Da Russland auf diese japanischen Forderungen nicht reagierte, hat Tokio seit 1945 kein Waffenstillstandsabkommen mit Russland unterzeichnet, was bedeutet, dass Japan sich offiziell seit 1945 immer noch im Kriegszustand mit Russland befindet. Dies bedeutete für Russland eine wachsende Angst vor den USA: Würden die USA Japan dazu drängen, die Kurilen zu besetzen?
So entwickelten sich die Dinge Schritt für Schritt in Richtung Provokation, Eskalation und deren weiterer Steigerung, bis Russland tief im ukrainischen Schlamm versinkt. Bis dahin halten die US-Provokationen und die britischen Provokationen an, und die europäischen Provokationen werden mit hineingezogen, wie etwa der Stopp von Nord Stream 2 durch Deutschland einerseits. Andererseits hält die Verlockung der USA für Russland an, den Krieg in der Ukraine zu führen, da sie Russland nicht wirksam bedrohen, sondern sich auf die Androhung von Sanktionen beschränken. US-Außenminister Blinken nannte die russischen Militärvorbereitungen eine Vorbereitung für eine „erfolgreiche“ Invasion der Ukraine! Gleichzeitig steigen die Forderungen der Ukraine nach einem NATO-Beitritt und nach mehr Waffen vom Westen, was die Risiken für Russland weiter anhäuft und beschleunigt. Dies setzt sich fort, bis die Invasion, der Krieg und das Versinken im Sumpf als einziger Ausweg für Russland erscheinen, um seine Sicherheitsrisiken rund um die Ukraine zu behandeln. Das ist es, was die USA wollen: die Ukraine für Russland zur Sprengfalle zu machen. Es scheint nicht so, als könne Russland diesen Weg heute noch stoppen, nachdem es in die Falle seines törichten Plans getappt ist!
Viertens: Die europäische Position: Der Hohe Vertreter der EU, Josep Borrell, sagte am 22.02.2022, dies sei ein schwarzer Tag für Europa, an dem Russland die Republiken Donezk und Lugansk anerkannte. Der britische Premierminister Johnson sagte vor einigen Tagen, dass wir in einen neuen strategischen Wettbewerb mit Russland eingetreten sind, der eine ganze Generation andauern könnte. All dies lässt die Tür für alle Möglichkeiten offen, einschließlich nuklearer Drohungen.
Dennoch hat Europa versucht, die Situation zu beruhigen und sich mit Russland zu einigen. Die Staats- und Regierungschefs Frankreichs und Deutschlands standen mit Russland in Kontakt. Der französische Präsident Macron besuchte Moskau und sprach mehrfach telefonisch mit Putin, zuletzt nach Beginn der russischen Militäroperation in der Ukraine. Der Élysée-Palast gab bekannt, dass Macron „in dem Gespräch die Forderung der internationalen Gemeinschaft wiederholte, die russische Offensive gegen die Ukraine zu stoppen, und die sofortige Inkraftsetzung eines Waffenstillstands, die Einstellung aller Angriffe auf Zivilisten und deren Wohnorte, den Erhalt der gesamten zivilen Infrastruktur und die Sicherung der Wege, insbesondere der Straße südlich von Kiew, bekräftigte“ (AFP, 28.02.2022). Ebenso besuchte Bundeskanzler Olaf Scholz Moskau, sprach mit Putin und erklärte von dort aus: „Es steht für uns Deutsche, ja für alle Europäer außer Frage, dass eine stabile Sicherheit nicht gegen Russland, sondern nur mit Russland erreicht werden kann... Und darin sind wir uns mit dem russischen Präsidenten einig, dass die Chancen für eine Beilegung der aktuellen Krise in Europa weiterhin bestehen“ (Russia Today, 15.02.2022). Trotzdem wurde Europa tatsächlich in die Ukraine-Krise verwickelt, genau wie die USA es wollten. Es sah sich gezwungen, seine volle Unterstützung für die Ukraine zu erklären, sie mit militärischer Ausrüstung und modernen Waffen zu unterstützen und Sanktionen gegen Russland in verschiedenen Bereichen zu verhängen, was einem umfassenden Wirtschaftskrieg gleichkommt, ohne jedoch Soldaten zu entsenden. Bundeskanzler Olaf Scholz schrieb am 26.02.2022 auf seinem Twitter-Account: „Der russische Überfall auf die Ukraine markiert eine Zeitenwende. Er bedroht unsere gesamte Nachkriegsordnung... In dieser Situation ist es unsere Pflicht, die Ukraine nach Kräften zu unterstützen bei der Verteidigung gegen die Invasionsarmee von Wladimir Putin.“ Deutschland beschloss die Entsendung von 1.000 Panzerabwehrwaffen und 500 Stinger-Boden-Luft-Raketen. Scholz sagte vor dem Bundestag: „Mit dem Überfall auf die Ukraine befinden wir uns in einer neuen Ära. Deutschland wird von nun an Jahr für Jahr mehr als 2 % seines Bruttoinlandsprodukts in unsere Verteidigung investieren. Wir werden dieses Jahr 100 Milliarden Euro in militärische Ausrüstung investieren. Das Ziel ist eine leistungsfähige, hochmoderne und fortschrittliche Bundeswehr, die uns zuverlässig schützen kann“ (AFP, 27.02.2022). Nach der russischen Militäroperation wurde zudem der Betrieb der Gaspipeline Nord Stream 2, die von Russland durch die Ostsee nach Deutschland führt, gestoppt. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell gab am 27.02.2022 bekannt, dass „die Union beschlossen hat, der Ukraine Militärhilfe zu leisten, darunter Waffen im Wert von 450 Millionen Euro und Schutzausrüstung im Wert von 50 Millionen Euro, finanziert aus der Europäischen Friedensfazilität“ (Anadolu, 28.02.2022). Bei einem Krisentreffen der EU in Brüssel sagte EU-Ratspräsident Charles Michel: „Die Sanktionen werden auch Auswirkungen auf uns haben, aber das ist ein Preis, den es wert ist, für die Verteidigung unserer Freiheit zu zahlen.“ Josep Borrell fügte hinzu: „Wir sehen vor uns die geopolitische Neugeburt Europas. Die Katastrophe, vor der Europa heute steht, zwingt es mehr denn je zu Einigkeit und Zusammenarbeit.“ Kommissionspräsidentin von der Leyen sagte: „Das Schicksal Europas steht während des Krieges in der Ukraine auf dem Spiel“ (Al Jazeera, 01.03.2022). Hieraus ersehen wir, dass Europa in diesen Krieg verwickelt wurde, der den seit Ende des Zweiten Weltkriegs herrschenden Frieden erschüttert und Europa unter die russische Bedrohung gestellt hat, abgesehen von den massiven wirtschaftlichen Verlusten durch den Verlust von Energiequellen wie Gas und Öl. Die EU bezieht etwa 40 % ihres Gases und 27 % ihres Öls aus Russland. Die USA wünschen sich eine Hinwendung Europas zu ihnen, um von ihrem Gas zu hohen Kosten und geringerer Qualität abhängig zu werden. Nord Stream 2 hätte ein Drittel des externen Bedarfs zu etwa 25 % geringeren Kosten gedeckt. Putin erklärte auf der Pressekonferenz mit Bundeskanzler Scholz bei ihrem letzten Treffen herablassend: „Der deutsche Verbraucher, ob industriell oder privat, erhält Gas aus Russland fünfmal günstiger (als der aktuelle Preis). Der deutsche Bürger möge in seinen Geldbeutel schauen und sich fragen, ob er bereit ist, Gas zu einem 3- bis 5-mal höheren Preis zu kaufen. Deshalb sollte man dem ehemaligen Bundeskanzler Schröder danken, der das Projekt Nord Stream 1 unterstützte, über das Deutschland jährlich etwa 55 Milliarden Kubikmeter Gas erhält, bereitgestellt durch langfristige Verträge“ (Russia Today, 15.02.2022). Putin erwähnte zudem, dass Deutschland 60 % des russischen Marktes kontrolliere. Putin tut dies nur, um Europa dazu zu verleiten, mit Russland zusammenzuarbeiten und sich nicht an der Seite der USA gegen Russland zu stellen, und um es zu beruhigen, dass Russland keine Absichten gegen Europa hege, damit Russland sich vonseiten Europas sicher fühlen kann.
Fünftens: Die chinesische Position: China hat sich Russland in dieser Angelegenheit stark angenähert. Es unterstützte Russland mit der Erklärung, dass die westlichen Staaten Russlands Sicherheitsforderungen ernst nehmen müssten. Um internationale Unterstützung für die russische Politik gegenüber der Ukraine zu mobilisieren, besuchte Putin Peking (Winterspiele) und traf sich am 02.02.2022 mit dem chinesischen Präsidenten. In einer gemeinsamen Erklärung lehnte China den NATO-Beitritt der Ukraine ab. Beide Staaten (Russland und China) erklärten die Einigkeit ihrer Positionen gegenüber der US-Hegemonie, riefen zu einer multipolaren Weltordnung auf und erklärten den Beginn einer neuen Ära in den internationalen Beziehungen. Sie unterzeichneten massive Verträge für chinesische Investitionen in russisches Gas und Öl und die Steigerung des Handelsvolumens auf 200 Milliarden Dollar jährlich. Dennoch scheint China abzuwarten, wie sich die Dinge für Russland in der Ukraine entwickeln und ob es einen ähnlichen Schritt zur Annexion Taiwans unternehmen wird. In China wurden Stimmen laut, die sagten: „Dies ist die beste Gelegenheit, Taiwan jetzt zurückzuholen.“ China lehnte Sanktionen gegen Russland ab, um nicht mit einer ähnlichen Behandlung konfrontiert zu werden, falls es Taiwan gewaltsam einnimmt. Es enthielt sich der Stimme bei einem Resolutionsentwurf, der die russische Aggression verurteilte, um einer westlichen Kampagne gegen sich zu entgehen. Damit erweckte es den Anschein, Russland nicht offen zu unterstützen. China hat Russland für seine Invasion nicht kritisiert und gibt den USA die Schuld, schätzt jedoch die Prinzipien der Stabilität und territorialen Integrität. Der chinesische Außenminister Wang Yi sagte in einem Gespräch mit seinem ukrainischen Amtskollegen: „In Bezug auf die aktuelle Krise ruft die chinesische Seite die Ukraine und Russland auf, einen Weg zu finden, sie durch Verhandlungen zu lösen, und unterstützt alle konstruktiven internationalen Bemühungen um eine politische Beilegung“ (TASS, 01.03.2022). Der chinesische Außenminister erklärte zudem die Ablehnung von Sanktionen: „China unterstützt Sanktionen nicht nur nicht als Mittel zur Problemlösung, sondern lehnt insbesondere einseitige Sanktionen ab, die im Widerspruch zum Völkerrecht stehen“ (TASS, 27.02.2022).
Sechstens: Fazit:
Die USA haben (erfolgreich) Russland dazu verleitet, eine vollständige oder fast vollständige Invasion der Ukraine durchzuführen. Dies wird Russland über Jahre hinweg vor interne Spannungen sowie politische, wirtschaftliche und möglicherweise militärische Erschütterungen stellen, unabhängig davon, ob es sich mit der Besetzung der Ostukraine begnügt oder auf größere Gebiete in der gesamten Ukraine ausdehnt. Es ist nicht auszuschließen, dass dies Putins Verbleib an der Macht beeinträchtigen wird.
Ebenso wird Russlands internationaler Status von dieser Erschütterung betroffen sein, wenn er nicht gar zusammenbricht. Die internationale Kampagne unter US-amerikanischem und europäischem Druck hat massiv hervorgehoben, dass Russland souveräne Staaten angreift. Gleichzeitig haben die USA und Europa ihre eigenen Angriffe auf viele souveräne Staaten in Asien und Afrika vergessen oder ignoriert. All diese Mächte – Russland, die USA und Europa – entspringen derselben Quelle und messen dem Leben von Menschen keinen Wert bei!
Dass diese Angriffe zu einem Dritten Weltkrieg führen könnten, wie es der Zweite Weltkrieg nach dem schrittweisen Angriff Nazi-Deutschlands auf die Tschechoslowakei 1939 tat, ist etwas anders zu bewerten. Ein solcher Krieg wäre untrennbar mit einem Atomkrieg verbunden, da diese Waffen in diesen Ländern vorhanden sind. Sie werden es sich tausendmal überlegen, bevor sie diese einsetzen – nicht weil es andere zerstört (denn das hat für sie kein Gewicht), sondern weil es sie selbst treffen könnte. Sie kennen keine Werte außer ihrem eigenen Nutzen, selbst wenn es anderen schadet! Al Jazeera veröffentlichte am 02.03.2022 ein Interview mit dem russischen Außenminister Lawrow: (Auf die Frage nach der Gefahr eines Dritten Weltkriegs sagte Lawrow, dass die Staatschefs der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates eine Erklärung unterzeichnet haben, wonach ein Weltkrieg nicht entfachen darf, da er nuklear wäre und es darin keinen Sieger gäbe. Er wies darauf hin, dass US-Präsident Joe Biden derjenige war, der sagte, dass Sanktionen gegen Russland die einzige Alternative zum Dritten Weltkrieg seien.) Lawrow, der dies sagte, sieht für seinen Staat kein Hindernis darin, ein Kernkraftwerk zu beschießen, solange der resultierende Schaden von ihm fernbleibt und andere trifft! Al Jazeera meldete heute: (Das herausragendste Ereignis fand im Kernkraftwerk der Stadt Saporischschja statt, wo die Ukraine von russischem Beschuss sprach, der zu einem Brand führte, der später unter Kontrolle gebracht wurde; dies forderte jedoch Opfer unter den Mitarbeitern, so die ukrainische Darstellung, während das russische Verteidigungsministerium die ukrainischen Streitkräfte für verantwortlich erklärte... Al Jazeera, 04.03.2022).
Dies sind die Großmächte in der heutigen Welt – Bestien der Wildnis, der Starke frisst den Schwachen, und wenn dieser um Hilfe ruft, gibt es keinen Retter. Die Geschichte wiederholt sich, und der heutige Kampf der Großmächte spiegelt den Kampf zwischen Persern und Römern von einst wider. Dieser Zustand kann nur durch das geheilt werden, wodurch er zu Beginn geheilt wurde: Herrschaft durch das, was Allah herabgesandt hat, und Dschihad auf Seinem Wege. So wird der Schwache geschützt und dem Unterdrückten Gerechtigkeit widerfahren. Dann wird das Kalifat zurückkehren, das uns der Gesandte Allahs ﷺ verheißen hat:
ثُمَّ تَكُونُ خِلَافَةً عَلَى مِنْهَاجِ النُّبُوَّةِ
„Dann wird es ein Kalifat nach dem Plan des Prophetentums geben.“
Darin wird der Starke schwach sein, bis das Recht von ihm eingefordert wird, wie es der Rechtgeleitete Kalif Abu Bakr as-Siddiq sagte (Kanz al-Ummal): Von Abdullah bin Akim wird überliefert: Als Abu Bakr die Treue geschworen wurde, stieg er auf den Minbar, ging eine Stufe unter den Platz des Propheten ﷺ hinunter, lobte und pries Allah und sagte dann:
...وَأَنَّ أَقْوَاكُمْ عِنْدِي الضَّعِيفُ حَتَّى آخُذَ لَهُ بِحَقِّهِ، وَأَنَّ أَضْعَفَكُمْ عِنْدِي الْقَوِيُّ حَتَّى آخُذَ الْحقَّ مِنْهُ...
„...und der Stärkste unter euch ist für mich der Schwache, bis ich ihm sein Recht verschafft habe; und der Schwächste unter euch ist für mich der Starke, bis ich das Recht von ihm eingefordert habe...“
So verbreitet sich das Gute im Haus des Islam (Dar al-Islam):
وَيَوْمَئِذٍ يَفْرَحُ الْمُؤْمِنُونَ * بِنَصْرِ اللَّهِ يَنْصُرُ مَنْ يَشَاءُ وَهُوة الْعَزِيزُ الرَّحِيمُ
„An jenem Tag werden sich die Gläubigen freuen über den Sieg Allahs. Er hilft, wem Er will, und Er ist der Allmächtige und Barmherzige.“ (Sure Ar-Rum [30]: 4-5)
- Schaban 1443 n. H. 04.03.2022 n. Chr.