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Fragen & Antworten

Antwort auf eine Frage: Der Verstand, die Wahrnehmung oder das Denken

April 17, 2021
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Serie der Antworten des ehrwürdigen Gelehrten Ata Bin Khalil Abu Al-Rashtah, Emir von Hizb ut-Tahrir, auf die Fragen der Besucher seiner Facebook-Seite

Antwort auf eine Frage

Der Verstand, die Wahrnehmung oder das Denken An Atmani Atmani Atmani

Frage: As-salamu alaikum, unser ehrenwerter Sheikh: Was ist der Unterschied zwischen vorherigen Meinungen und Vorinformationen in der Denkweise? In dem Wissen, dass das Denken, die Wahrnehmung oder der Verstand nur durch die vier Komponenten – die Realität, die Sinneswahrnehmung, die Vorinformationen und ein gesundes Gehirn zur Verknüpfung – zustande kommt. Was ist der Unterschied zwischen vorherigen Meinungen und Vorinformationen in Bezug auf die Interpretation der Realität?

Antwort: Wa alaikum as-salam wa rahmatullahi wa barakatuh,

1- Wie in der Frage erwähnt, ist der Verstand, die Wahrnehmung oder das Denken die Übertragung des Sinneseindrucks über die Realität mittels der Sinne an das Gehirn, zusammen mit Vorinformationen, durch welche diese Realität interpretiert wird. Das heißt, der Denkprozess ist erst dann vollständig, wenn die vier Elemente vorhanden sind: die Realität, der Sinneseindruck der Realität (die Sinne), ein zur Verknüpfung fähiges Gehirn und Vorinformationen über die Realität oder das, was mit ihr zusammenhängt.

2- Damit das Denken beim Menschen auf dieser Erde existieren konnte, stattete Allah (swt) Adam (as) mit den Vorinformationen aus, welche die laufenden Realitäten auf der Erde – als Gegenstand des Denkens – erklären. Es heißt im Buch Ash-Shakhsiyyah (Die Islamische Persönlichkeit), Teil 3:

„Was Seine (t) Worte anbelangt:

وَعَلَّمَ آدَمَ الْأَسْمَاءَ كُلَّهَا

‚Und Er lehrte Adam alle Namen.‘ (Sure al-Baqara [2]: 31)

Damit sind die Benennungen der Dinge gemeint, nicht die Sprachen. Das heißt, Er lehrte ihn die Wahrheiten der Dinge und ihre Eigenschaften; Er gab ihm die Informationen, die er benutzt, um über die Dinge zu urteilen. Denn der Sinneseindruck der Realität allein reicht nicht aus, um über sie zu urteilen und ihre Realität zu erfassen. Vielmehr bedarf es zwingend der Vorinformationen, durch welche die Realität interpretiert wird. Allah (t) lehrte Adam die Namen, also die Benennungen der Dinge, und gab ihm Informationen, mit denen er über die Dinge, die er wahrnimmt, urteilen kann...“ Ende des Zitats.

3- Von da an entstanden die Gedanken und setzten sich fort, seit dem ersten Denkvorgang, der stattfand, als Allah Adam mit den Vorinformationen versorgte. Er nutzte diese dann zur Interpretation der Realität, die Gegenstand des Denkens war, zusammen mit den beiden anderen vorhandenen Elementen (Gehirn und Sinne). So schritt das Leben voran, erfüllt von weiten Bereichen des Denkens. Die korrekte Wahrnehmung dessen, wie der erste Denkprozess des Menschen ablief, führt unweigerlich zum Glauben an Allah (swt). Daher definieren ungläubige Bewegungen, die die Existenz des Schöpfers leugnen, den Verstand oder das Denken unter Auslassung der Vorinformationen! Dabei ist es eine notwendige Erkenntnis, dass das Denken über die Realität ohne Vorinformationen, die diese Realität erklären, nicht stattfinden kann. Doch ungläubige Bewegungen wie die Kommunisten leugnen die Vorinformationen, damit diese sie nicht zum Glauben an den Schöpfer führen, der Adam (as) mit den Vorinformationen ausstattete, um das erste Denken in diesem Leben zu begründen, woraufhin sich der Denkprozess fortsetzte. Denn der Sinneseindruck der Realität zusammen mit dem Gehirn erzeugt ohne Vorinformationen zur Interpretation der Realität kein Denken. Ein Sinneseindruck der Realität, plus ein Sinneseindruck, plus eine Million Sinneseindrücke – egal wie vielfältig die Art der Wahrnehmung ist – führt lediglich zu einem Sinneseindruck, aber niemals zu einem Gedanken. Es müssen zwingend Vorinformationen beim Menschen vorhanden sein, mittels derer er die wahrgenommene Realität interpretiert, damit Denken entsteht. Somit führt die Abfolge der Gedanken, insbesondere der erste Gedanke, zum Glauben an Allah, der Adam (as) mit den Vorinformationen versorgte.

4- Dies betrifft die Vorinformationen. Was jedoch die vorherigen Meinungen (al-ara’ al-sabiqah) betrifft, so sind dies Urteile über die Realität, die der Mensch bereits zuvor gefällt hat – entweder indem er selbst den Denkprozess vollzog und über die Realität urteilte, oder indem er diese Urteile von anderen durch Belehrung, Lesen etc. übernahm. Vorherige Meinungen sind also Gedanken über die Realität.

5- Somit lässt sich der Unterschied zwischen Vorinformationen und vorherigen Meinungen in zwei Hauptpunkten zusammenfassen:

Erstens: Vorherige Meinungen sind die bereits vorhandenen Gedanken beim Menschen, die ein Urteil über die untersuchte Realität darstellen, sei es im Ganzen oder in Teilen. Vorinformationen hingegen sind das, womit die Realität interpretiert werden kann, ohne bereits ein Urteil über sie zu fällen; sie dienen lediglich ihrer Erklärung und sind ein Faktor des Denkens, ohne den das Denken nicht zustande kommt.

Zweitens: Die vorherige Meinung ist ein Vorurteil über die Realität, über die nachgedacht werden soll, um das aus Sicht des Denkenden richtige Urteil zu finden. Daher ist es nicht korrekt, sie im Denkprozess zu verwenden. Was verwendet werden darf, sind ausschließlich die Informationen, während man verhindern muss, dass eine vorherige Meinung während des Prozesses präsent ist oder sich einmischt. Wenn eine vorherige Meinung verwendet wird, kann sie Fehler in der Wahrnehmung verursachen, da sie die Informationen beherrschen und sie falsch interpretieren könnte, wodurch ein Fehler in der Wahrnehmung entsteht. Deshalb muss die Unterscheidung zwischen der vorherigen Meinung und den Informationen beachtet werden; es dürfen nur die Informationen verwendet werden, während die vorherige Meinung über die zu untersuchende Realität ausgeschlossen werden muss. Es heißt im Buch At-Tafkir (Das Denken), S. 21-23:

„...Allerdings muss bei der Definition zwischen vorherigen Meinungen über eine Sache und Vorinformationen über sie oder das, was mit ihr zusammenhängt, unterschieden werden. Das Zwingende bei der Verstandesmethode (at-tariqah al-aqliyyah) ist nicht die Existenz einer Meinung oder vorheriger Meinungen über die Realität, sondern die Existenz von Vorinformationen über sie oder das, was mit ihr zusammenhängt. Daher ist das, dessen Vorhandensein zwingend ist, die Information und nicht die Meinung...“

6- Im Folgenden zwei Beispiele zur Verdeutlichung des oben Genannten:

a) Wenn man einem Menschen, egal wem, ein Buch in Syrisch (Suryani) gibt und er keinerlei Informationen in Bezug auf das Syrische besitzt, und wir seine Sinne (Sehen, Tasten) auf die Schrift richten lassen und diesen Sinneseindruck eine Million Mal wiederholen, wird er nicht ein einziges Wort verstehen können, bis man ihm Informationen über das Syrische und das damit Zusammenhängende gibt. Erst dann beginnt er, darüber nachzudenken und es zu begreifen. Man kann nicht sagen, dies gelte nur für Sprachen, da diese vom Menschen festgelegt wurden und daher Informationen darüber benötigt würden. Das kann man nicht sagen, denn das Thema ist ein Verstandesprozess, und der Prozess ist ein Prozess des Verstandes, sei es beim Fällen eines Urteils, beim Verstehen einer Bedeutung oder beim Begreifen einer Wahrheit. Der Verstandesprozess ist in allem ein und derselbe Prozess.

b) Wenn du eine politische Frage untersuchen willst, um zur richtigen Meinung darin zu gelangen – zum Beispiel die Frage der Intervention der Türkei in die Ereignisse in Libyen, die Entsendung von Söldnern und die Unterstützung von al-Sarradsch und der Regierung des nationalen Einvernehmens mit Waffen und Informationen... Und es gäbe eine vorherige Meinung, dass Erdogans Unterstützung für die Truppen der Einheitsregierung auf seiner Liebe zu den Muslimen, seiner Sorge um das Volk von Libyen und seiner Unterstützung für bewaffnete islamische Bewegungen beruhe etc., dann ist diese Meinung ein Urteil über die Angelegenheit, die du untersuchen willst, und nicht bloß eine Vorinformation darüber. Die Korrektheit der Untersuchung erfordert von dir, diese vorherige Meinung aufzugeben und die Angelegenheit innerhalb der verfügbaren politischen Beweise objektiv zu studieren. Erst dann gelangst du zur richtigen Meinung in dieser Angelegenheit.

Ich hoffe, dass diese Erläuterung ausreichend ist. Allah ist Wissender und Weiser.

Ihr Bruder Ata Bin Khalil Abu Al-Rashtah

  1. Ramadan 1442 n. H. 16.04.2021 n. Chr.

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