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Fragen & Antworten

Antwort auf eine Frage: Der Staat ist ein ausführendes Gebilde für eine Gesamtheit von Begriffen, Maßstäben und Überzeugungen

August 15, 2022
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Antwortserie des ehrwürdigen Gelehrten Ata bin Khalil Abu al-Rashtah, Amir von Hizb ut-Tahrir, auf die Fragen der Besucher seiner Facebook-Seite

Antwort auf eine Frage

An Abdul Rahman Darweesh

Frage:

As-Salamu Alaikum Wa Rahmatullahi Wa Barakatuhu,

bevor ich meine Frage stelle: Ich und viele meiner Geschwister im Da'wah-Ruf beten für Sie und bitten um alles Gute, ein langes Leben und rechtschaffene Taten, Amin.

Meine Frage betrifft die Erläuterung des Satzes in der „Einleitung zur Verfassung“ (Muqaddimat ad-Dustūr): „Der Staat ist ein ausführendes Gebilde für eine Gesamtheit von Begriffen, Maßstäben und Überzeugungen“. Was genau bedeuten diese drei Begriffe in diesem Zusammenhang, idealerweise mit einem Beispiel?

Möge Allah Sie ehren und segnen.

Antwort:

Wa Alaikum as-Salam Wa Rahmatullahi Wa Barakatuhu,

zunächst einmal möge Allah dich und deine Geschwister für eure gütigen Bittgebete für uns segnen, und auch wir bitten Allah um das Beste für euch.

Du beziehst dich mit deiner Frage auf das, was im Buch „Einleitung zur Verfassung“, Teil 1, in der Erläuterung zu Artikel 1 steht: „Daraus ergibt sich die Definition des Staates als ein ausführendes Gebilde für die Gesamtheit der Begriffe, Maßstäbe und Überzeugungen, die von einer Gruppe von Menschen akzeptiert wurden.“ Übrigens findet sich diese Formulierung nicht nur im Buch „Einleitung zur Verfassung“, sondern auch in anderen Büchern wie „Die Islamische Persönlichkeit“ (Aš-Šaḫṣiyya al-Islāmiyya), Teil 2. Dort heißt es: „Denn das Gebilde der Umma ist die Gesamtheit der Menschen zusammen mit einer Gesamtheit von Begriffen, Maßstäben und Überzeugungen. Und das Gebilde des Staates ist eine Gruppe von Menschen, die die Herrschaftsbefugnis innehaben, zusammen mit einer Gesamtheit von Maßstäben, Begriffen und Überzeugungen.“ Am häufigsten wurde diese Formulierung jedoch im Buch „Der Eintritt in die Gesellschaft“ (Duḫūl al-Muǧtamaʿ) verwendet, wo sie dutzendfach vorkommt.

Bei einer genaueren Untersuchung dieser Formel zeigt sich, dass zwischen den drei Begriffen (Begriffe, Maßstäbe, Überzeugungen) ein Verhältnis von Allgemeinheit und Besonderheit besteht, wie man zu sagen pflegt. Die Erläuterung dazu lautet wie folgt:

  1. Gedanken sind die Bedeutungen von Wörtern, während Begriffe (Mafaheem) die Bedeutungen von Gedanken sind. Wenn ein Mensch von einem Gedanken überzeugt ist (ihn als wahr bestätigt), wandelt er sich von einem bloßen Gedanken in einen Begriff um, der das Verhalten beeinflusst. Im Buch „Die Islamische Persönlichkeit“, Teil 1, heißt es dazu:

„Begriffe sind die Bedeutungen der Gedanken, nicht die Bedeutungen der Wörter. Ein Wort ist eine sprachliche Äußerung, die auf Bedeutungen hinweist, welche in der Realität existieren können oder auch nicht. Wenn der Dichter sagt:

ومن الرجال إذا انبريتَ لهدْمِهِمْ *** هَرَمٌ غليظُ منَاكِبِ الصُّفَّاحِ

فإذا رميتَ الحَقَّ في أَجْلادِهِ *** تركَ الصراعَ مُضعضَعَ الألواحِ

„Und unter den Männern gibt es jene, wenn du dich anschickst, sie zu vernichten, die wie ein hinfälliger Greis mit groben Schultern erscheinen. Doch wenn du ihnen die Wahrheit entgegenhältst, lassen sie vom Kampf ab, zutiefst erschüttert.“

So ist diese Bedeutung in der Realität vorhanden und sinnlich wahrnehmbar, auch wenn ihre Wahrnehmung Tiefe und Erleuchtung erfordert. Wenn der Dichter jedoch sagt:

قالوا: أَينظم فارسين بطعنةٍ *** يومَ النّزالِ ولا يراه جَليلاً

فأجبتهمْ: لو كانَ طولُ قَناتِهِ *** مِيلاً إذنْ نَظَمَ الفَوارسَ ميلاً

„Sie sagten: Reiht er etwa zwei Reiter mit einem Stoß am Tag des Gefechts auf, ohne es als etwas Großes zu sehen? Ich antwortete ihnen: Wäre seine Lanze eine Meile lang, so hätte er die Reiter auf einer Meile Länge aufgereiht.“

Diese Bedeutung existiert absolut nicht. Weder hat der Gelobte zwei Reiter mit einem Stoß aufgereiht, noch hat jemand diese Frage gestellt, und es ist unmöglich, Reiter auf einer Meile Länge aufzureihen. Diese Bedeutungen der Sätze werden durch ihre Wörter erklärt und interpretiert. Die Bedeutung des Gedankens hingegen ist: Wenn diese Bedeutung, die das Wort beinhaltet, eine Realität hat, auf die der Sinn trifft oder die sich der Verstand als etwas Sinnliches vorstellt und als wahr bestätigt, dann ist diese Bedeutung ein Begriff (Mafhum) bei demjenigen, der sie empfindet oder sie sich vorstellt und als wahr bestätigt. Sie ist jedoch kein Begriff bei demjenigen, der sie nicht empfindet oder sich nicht vorstellt, selbst wenn er die Bedeutung aus dem Satz versteht, der ihm gesagt oder den er gelesen hat. Begriffe sind also jene Bedeutungen, für die eine Realität im Verstand erfasst wird, sei es eine sinnlich wahrnehmbare Realität im Außen oder eine Realität, deren Existenz im Außen als gegeben akzeptiert wird, basierend auf einer sinnlich wahrnehmbaren Realität. Alles andere an Wort- und Satzbedeutungen wird nicht als Begriff bezeichnet, sondern ist lediglich Information (Ma'lumat).“ (Ende des Zitats)

Folglich wird jeder Gedanke, der als wahr bestätigt wurde, als Begriff bezeichnet, ungeachtet dessen, wie eng oder weit die Bedeutung ist, die der Begriff beinhaltet.

  1. Es gibt Begriffe, die sich nur auf eine einzige Detailangelegenheit beziehen, wie zum Beispiel das Verbot des Weintrinkens. Dieser Begriff enthält eine einzige Bedeutung: dass die Scharia das Trinken von Wein verboten hat. Er beinhaltet also nur ein einzelnes Detailurteil. Manche Begriffe beziehen sich jedoch auf mehrere Bedeutungen, weil an ihnen verschiedene Teilgedanken gemessen werden können; sie sind also nicht auf eine Sache beschränkt. Zum Beispiel ist der Begriff von „Halal und Haram“ ein Begriff, der alle Handlungen des Menschen abdeckt. Er ist ein Maßstab für die Handlungen des Menschen und bezieht sich nicht nur auf eine Sache. Vielmehr ist dieser Begriff in diesem Fall ein Maßstab, an dem andere Gedanken und Begriffe gemessen werden. Ein weiteres Beispiel ist der Begriff „Der Ursprung der Dinge ist die Erlaubtheit“ (Al-Aslu fil-Aschyā’ al-Ibāḥa); dies ist ein Maßstab, an dem viele Dinge gemessen werden und der nicht auf eine Sache beschränkt ist. Ebenso der Begriff „Der Zweck heiligt nicht die Mittel“; dies ist ein Maßstab für viele politische und nicht-politische Handlungen. So ist der Maßstab hinsichtlich seiner Tragweite allgemeiner als der Begriff, während er im Gegenzug spezifischer ist, da der Terminus „Begriff“ sowohl für Teilgedanken als auch für Maßstäbe verwendet wird. Damit wird deutlich, dass jeder Maßstab ein Gedanke und ein Begriff für denjenigen ist, der ihn als wahr bestätigt. Aber nicht jeder Begriff ist ein Maßstab. Ein Begriff kann nämlich ein Teilgedanke oder ein Maßstab sein; ein Maßstab hingegen kann nur etwas sein, auf dem Teilbereiche aufgebaut und an dem sie gemessen werden; er kann also kein bloßer Teilgedanke sein.

  2. Was die Überzeugungen (Qana'at) betrifft, so sind dies Begriffe und Maßstäbe, die beim Einzelnen und bei der Umma den Charakter der tiefen Verwurzelung angenommen haben. Sie haben sich in den Seelen und in der Gesellschaft so gefestigt, dass es schwierig ist, sie herauszureißen. Wenn sich ein Begriff oder ein Maßstab in den Seelen und in der Gesellschaft verwurzelt, steigt er um eine Stufe auf und wird zu einer Überzeugung, sodass er nicht mehr leicht aus dem Individuum oder der Gesellschaft entfernt werden kann. Es gibt bestimmte Begriffe und Maßstäbe, die beim Einzelnen und in der Gesellschaft den Grad von Überzeugungen erreichen müssen, um den Einzelnen und die Umma zu bewahren. Dazu gehören beispielsweise der Begriff und Maßstab, dass „Der Ursprung der Handlungen die Bindung an das Scharia-Urteil ist“, sowie der Begriff des Gehorsams, des Dschihad, des Gottvertrauens (Tawakkul), und so weiter.

In Anbetracht der oben genannten Erläuterung zur Überzeugung ist jede Überzeugung ein Begriff oder ein Maßstab, aber nicht jeder Begriff oder Maßstab ist eine Überzeugung. Denn Begriffe und Maßstäbe, die sich nicht in den Seelen und in der Gesellschaft verwurzelt haben, erreichen nicht den Grad einer Überzeugung, selbst wenn sie als wahr bestätigt wurden. Das heißt, sie erreichen nicht jenen Grad an Festigkeit, Verwurzelung und Stabilität, dass man sie als Überzeugungen bezeichnen könnte. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die Menschen im rein sprachlichen Sinne nicht von ihnen überzeugt wären, da sie sie ja als wahr bestätigen. Vielmehr erfüllen sie lediglich nicht die terminologische Beschreibung einer „Überzeugung“, obwohl sie bereits zu einem Begriff und Maßstab geworden sind.

Im Buch „Die Gesellschaftsordnung“ (An-Niẓām al-Iǧtimāʿī) heißt es dazu:

„Was die Ursache für diese gedankliche Verwirrung und die Abweichung vom richtigen Verständnis betrifft, so liegt sie in dem vernichtenden Kreuzzug, mit dem uns die westliche Zivilisation überrollte. Sie bemächtigte sich vollständig unseres Denkens und unseres Geschmacks, wodurch sie unsere Begriffe über das Leben, unsere Maßstäbe für die Dinge und unsere Überzeugungen änderte, die in unseren Seelen tief verwurzelt waren, wie unser Eifer für den Islam und unsere Verherrlichung unserer geheiligten Werte.“ (Ende des Zitats)

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wenn ein Gedanke ein Teilaspekt ist und als wahr bestätigt wurde, so ist er ein Begriff. Wenn ein Gedanke die Grundlage ist, auf der andere Teilgedanken aufbauen, und er als wahr bestätigt wurde, so wird dieser Begriff zu einem Maßstab. Wenn sich Begriffe und Maßstäbe in den Seelen, der Gesellschaft und der Umma verwurzeln, werden sie zu Überzeugungen. Hieraus ergibt sich die Absicht hinter der Verwendung dieser drei Begriffe und die Notwendigkeit, zwischen ihnen zu unterscheiden, wenn man an der Veränderung der Gesellschaft und der Errichtung des Staates arbeitet. Wenn die Partei in der Umma für die Veränderung arbeitet, muss sie sich der Teilgedanken bewusst sein, die sie in der Umma in Begriffe umwandeln will. Sie muss sich der Maßstäbe bewusst sein, die sie in der Umma erschaffen will, und sie muss sich jener Begriffe und Maßstäbe bewusst sein, denen sie den Charakter der tiefen Verwurzelung verleihen will, damit sie sich in den Seelen und in der Gesellschaft festsetzen und zu Überzeugungen werden, die schwer zu erschüttern sind. Auf diese Weise kann die Partei ihre Prioritäten in der Arbeit vor und nach der Staatsgründung setzen, indem sie sich auf die wichtigsten Begriffe und Maßstäbe konzentriert, die für den Erhalt der Umma und des Staates am notwendigsten sind, ihnen die größte Aufmerksamkeit schenkt und daran arbeitet, sie in Überzeugungen zu verwandeln, die nicht leicht aus den Seelen verdrängt werden können.

Ich hoffe, dass die Antwort klar ist.

Euer Bruder Ata bin Khalil Abu al-Rashtah

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