Serie der Antworten des ehrwürdigen Gelehrten Ata Bin Khalil Abu Al-Rashtah, Amir von Hizb ut-Tahrir, auf die Fragen der Besucher seiner Facebook-Seite „Fiqhi“
An Fahed Zalloum
Frage:
Unser geehrter Sheikh, Friede sei mit Ihnen sowie die Barmherzigkeit und der Segen Allahs.
Was bedeutet „wissenschaftliche Unnachahmlichkeit“ (al-I'jaz al-'Ilmi) im edlen Koran? Gibt es im Koran tatsächlich eine wissenschaftliche Unnachahmlichkeit? Und gehört dies zum Bereich der Wissenschaft oder ist es etwas anderes?
Möge Allah Ihnen in allem Guten beistehen.
Antwort:
Und Friede sei mit Ihnen sowie die Barmherzigkeit und der Segen Allahs.
Was die wissenschaftliche Unnachahmlichkeit im edlen Koran betrifft, so war dieser Begriff zur Zeit des Propheten ﷺ und zur Zeit der edlen Sahaba nicht bekannt... Um die Angelegenheit zu klären, folgt hier die Erläuterung:
1- Das Wunder (al-Mu'jizah) ist „eine Angelegenheit, die entgegen der Gewohnheit durch denjenigen erscheint, der das Prophetentum beansprucht, wenn er die Leugner herausfordert, und zwar in einer Weise, dass die Leugner unfähig sind, etwas Vergleichbares hervorzubringen“. Ein Wunder des Propheten muss also zwei Bedingungen erfüllen: Erstens muss es die Gewohnheit durchbrechen (übernatürlich sein), und zweitens muss damit eine Herausforderung der Leugner durch den Propheten erfolgen, den Allah (t) mit diesem Wunder unterstützt hat... Das Wunder des Gesandten Muhammad ﷺ, mit dem er die Menschen herausforderte, um sein Prophetentum zu beweisen, ist der edle Koran. Er ﷺ hat die Araber mit nichts anderem herausgefordert, um sein Prophetentum zu beweisen:
Allah (t) sagt:
قُلْ لَئِنِ اجْتَمَعَتِ الْإِنْسُ وَالْجِنُّ عَلَى أَنْ يَأْتُوا بِمِثْلِ هَذَا الْقُرْآنِ لَا يَأْتُونَ بِمِثْلِهِ وَلَوْ كَانَ بَعْضُهُمْ لِبَعْضٍ ظَهِيرًا
„Sprich: Wenn sich die Menschen und die Dschinn versammelten, um diesem Koran etwas Gleiches zu bringen, brächten sie nicht seinesgleichen, selbst wenn sie einander Beistand leisteten.“ (Sure Al-Isra [17]: 88)
Und Er (t) sagt:
أَمْ يَقُولُونَ افْتَرَاهُ قُلْ فَأْتُوا بِعَشْرِ سُوَرٍ مِثْلِهِ مُفْتَرَيَاتٍ وَادْعُوا مَنِ اسْتَطَعْتُمْ مِنْ دُونِ اللَّهِ إِنْ كُنْتُمْ صَادِقِينَ
„Oder sagen sie: ‚Er hat ihn erdichtet‘? Sprich: ‚So bringt doch zehn ebenbürtig erdichtete Suren hervor und ruft an, wen ihr könnt, außer Allah, wenn ihr wahrhaftig seid!‘“ (Sure Hud [11]: 13)
Und Er (t) sagt:
وَإِنْ كُنْتُمْ فِي رَيْبٍ مِمَّا نَزَّلْنَا عَلَى عَبْدِنَا فَأْتُوا بِسُورَةٍ مِنْ مِثْلِهِ وَادْعُوا شُهَدَاءَكُمْ مِنْ دُونِ اللَّهِ إِنْ كُنْتُمْ صَادِقِينَ
„Und wenn ihr im Zweifel seid über das, was Wir auf Unseren Diener herabgesandt haben, so bringt eine Sure seinesgleichen hervor und ruft eure Zeugen außer Allah an, wenn ihr wahrhaftig seid.“ (Sure Al-Baqara [2]: 23)
2- Die Unnachahmlichkeit (I'jaz) des Korans zeigt sich am deutlichsten in seiner Eloquenz, seiner rhetorischen Brillanz und seiner Erhebung zu einem erstaunlichen Grad. Dies manifestiert sich im unnachahmlichen Stil (Uslub) des Korans. Sein Stil besitzt eine solche Klarheit, Kraft und Schönheit, die Menschen niemals erreichen können. Der Stil besteht aus geordneten Bedeutungen in koordinierten Worten; oder er ist die Art des Ausdrucks, um Bedeutungen durch sprachliche Formulierungen darzustellen. Klarheit des Stils bedeutet das Hervortreten der beabsichtigten Bedeutungen in dem Ausdruck, durch den sie vermittelt wurden... Kraft des Stils liegt in der Wahl der Worte, welche die Bedeutung so vermitteln, wie es ihr angemessen ist. Eine sanfte Bedeutung wird durch ein sanftes Wort vermittelt, eine gewichtige Bedeutung durch ein gewichtiges Wort, eine tadelnswerte Bedeutung durch ein entsprechendes Wort und so weiter... Schönheit des Stils wiederum liegt in der Wahl der reinsten Ausdrücke, die der vermittelten Bedeutung am besten entsprechen, sowie in den Worten und Bedeutungen innerhalb des Satzgefüges.
3- Wer den Koran betrachtet, findet die erhabene Höhe, die seinen Stil in Klarheit, Kraft und Schönheit kennzeichnet... So findet man im Koran eine ganz eigene Art. Er setzt jede Bedeutung in das Wort, das ihr angemessen ist, zusammen mit den umgebenden Worten und den begleitenden Bedeutungen. Dies findet man ausnahmslos in jedem seiner Verse. Seine Unnachahmlichkeit war in seinem Stil offensichtlich, da er eine besondere Art der Rede darstellt, die der menschlichen Rede nicht gleicht und der menschliche Rede nicht gleichkommen kann. Dies zeigt sich darin, wie Bedeutungen in angemessene Worte und Sätze gefasst sind, und in der Wirkung seiner Worte auf die Ohren derer, welche die rhetorische Brillanz erfassen und in seine Bedeutungen eintauchen, sodass sie in Demut verfallen und fast davor niederknien würden. Ebenso wirkt er auf jene, die dies nicht erfassen, indem der Klang dieser Worte in einer unnachahmlichen Komposition sie gefangen nimmt, sodass der Zuhörer unweigerlich in Demut verfällt, selbst wenn er die Bedeutungen nicht versteht. Deshalb war er ein Wunder und wird ein Wunder bleiben bis zum Anbruch der Stunde.
4- Zu den Beweisen dafür, dass der Aspekt der Unnachahmlichkeit im edlen Koran der sprachliche Stil ist, gehören unter anderem folgende Punkte:
a) Es entspricht der Gewohnheit der prophetischen Wunder, dass Allah dem Propheten ein Wunder gibt, mit dem er sein Volk in einer Angelegenheit herausfordert, in der sein Volk am kenntnisreichsten und fähigsten ist, damit die Herausforderung wirksam ist. So forderte Musa (as) das Volk des Pharao mit der Magie heraus, da sie die kenntnisreichsten Menschen in der Magie waren. Isa (as) forderte sein Volk mit der Heilung von Kranken und der Wiederbelebung von Toten heraus, da sie die kenntnisreichsten Menschen in der Medizin waren... Und so weiter. Was Muhammad ﷺ betrifft, so war sein Volk nicht das kenntnisreichste in den Naturwissenschaften, in der Magie oder in der Medizin. Vielmehr waren sie Meister der Sprache; sie war ihre Hauptbeschäftigung und ihr tägliches Werk, in dem sie fast alles perfektionierten. Sie waren brillant in ihrer Gestaltung und ihrem Ausdruck, sei es in verschiedenen Arten der Prosa oder in der Poesie mit ihren Metren und Rhythmen... Daher war es am angemessensten, sie in der Sprache herauszufordern, die sie kannten, also in der arabischen Sprache hinsichtlich des Stils...
b) Der edle Koran forderte die Araber heraus, eine Sure seinesgleichen hervorzubringen, wie zum Beispiel die Sure Al-Kawthar. Es besteht kein Zweifel, dass die Sure Al-Kawthar und andere kurze Suren keine wissenschaftlichen Aspekte oder Ähnliches enthalten. Vielmehr tritt in ihnen der großartige sprachliche Stil hervor, den die Araber nicht nachahmen konnten...
c) Was die Araber bei der Anhörung des Korans in Staunen versetzte und ihre Unfähigkeit offenbarte, war sein sprachlicher Stil und nicht die darin erwähnten wissenschaftlichen Aspekte. Dies ist über sie bekannt und wurde massenhaft (mutawatir) überliefert... Sogar einer von ihnen sagte über den Koran, er sei „Zauber der Beredsamkeit“ (Sihr al-Bayan)...
d) Es wurde nicht vom Propheten ﷺ überliefert, dass er den Aspekt der Herausforderung für die Araber in den wissenschaftlichen Aspekten sah, die im edlen Koran erwähnt werden. Vielmehr verlangte er von ihnen, etwas dem Koran Gleiches in seiner Komposition hervorzubringen...
e) Der edle Koran brachte Bedeutungen, welche die Araber zur Zeit des Propheten ﷺ kannten. Er erwähnte sogar manchmal Berichte über ihre eigenen Worte, wie in der Aussage Allahs (t):
وَقَالُوا لَنْ نُؤْمِنَ لَكَ حَتَّى تَفْجُرَ لَنَا مِنَ الْأَرْضِ يَنْبُوعًا * أَوْ تَكُونَ لَكَ جَنَّةٌ مِنْ نَخِيلٍ وَعِنَبٍ فَتُفَجِّرَ الْأَنْهَارَ خِلَالَهَا تَفْجيرًا * أَوْ تُسْقِطَ السَّمَاءَ كَمَا زَعَمْتَ عَلَيْنَا كِسَفًا أَوْ تَأْتِيَ بِاللَّهِ وَالْمَلَائِكَةِ قَبِيلًا * أَوْ يَكُونَ لَكَ بَيْتٌ مِنْ زُخْرُفٍ أَوْ تَرْقَى فِي السَّمَاءِ وَلَنْ نُؤْمِنَ لِرُقِيِّكَ حَتَّى تُنَزِّلَ عَلَيْنَا كِتَابًا نَقْرَؤُهُ قُلْ سُبْحَانَ رَبِّي هَلْ كُنْتُ إِلَّا بَشَرًا رَسُولًا
„Und sie sagen: ‚Wir werden dir nicht glauben, bis du uns aus der Erde einen Quell hervorbrechen lässt, oder (bis) du einen Garten mit Palmen und Reben hast und dazwischen Bäche in reichlicher Weise hervorbrechen lässt, oder (bis) du den Himmel, wie du behauptet hast, in Stücken auf uns herabfallen lässt oder Allah und die Engel vor uns bringst, oder (bis) du ein Haus aus Gold hast oder in den Himmel aufsteigst. Und wir werden nicht an dein Aufsteigen glauben, bis du uns ein Buch herabsendest, das wir lesen können.‘ Sprich: ‚Preis sei meinem Herrn! Bin ich etwas anderes als ein Mensch und ein Gesandter?‘“ (Sure Al-Isra [17]: 90-93)
Diese edlen Verse sind eine Wiedergabe der Worte der Quraisch. Das bedeutet, dass der darin erwähnte Inhalt zu den Dingen gehörte, welche die Quraisch sagten. Doch der Koran gab dies in einem großartigen, wunderbaren Stil wieder, den die Leute der Quraisch nicht nachahmen konnten, obwohl es eine Wiedergabe dessen war, was sie selbst gesagt hatten. Dies unterstreicht, dass die Unnachahmlichkeit im sprachlichen Stil des edlen Korans liegt...
Dies sind einige der Beweise, die darauf hindeuten, dass der Aspekt der Unnachahmlichkeit im edlen Koran auf den sprachlichen Stil beschränkt ist...
5- Diejenigen, die den Begriff „wissenschaftliche Unnachahmlichkeit“ verwenden, meinen damit das, was im edlen Koran vorkommt und auf wissenschaftliche Theorien oder Fakten zutreffen kann, wie die Aussage Allahs (t):
وَلَقَدْ خَلَقْنَا الْإِنْسَانَ مِنْ سُلَالَةٍ مِنْ طِينٍ * ثُمَّ جَعَلْنَاهُ نُطْفَةً فِي قَرَارٍ مَكِينٍ * ثُمَّ خَلَقْنَا النُّطْفَةَ عَلَقَةً فَخَلَقْنَا الْعَلَقَةَ مُضْغَةً فَخَلَقْنَا الْعَلَقَةَ مُضْغَةً فَخَلَقْنَا الْمُضْغَةَ عِظَامًا فَكَسَوْنَا الْعِظَامَ لَحْمًا ثُمَّ أَنْشَأْنَاهُ خَلْقًا آخَرَ فَتَبَارَكَ اللَّهُ أَحْسَنُ الْخَالِقِينَ
„Wir haben den Menschen ja aus einem Auszug aus Lehm erschaffen. Hierauf machten Wir ihn zu einem Samentropfen in einem festen Aufenthaltsort. Hierauf schufen Wir den Samentropfen zu einem Anhängsel, dann schufen Wir das Anhängsel zu einem Fleischklumpen, dann schufen Wir den Fleischklumpen zu Knochen, dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch. Hierauf ließen Wir ihn als eine weitere Schöpfung entstehen. Segensreich ist Allah, der beste Schöpfer.“ (Sure Al-Mu'minun [23]: 12-14)
Doch diese und ähnliche Verse dienen dazu, auf die Allmacht Allahs (t) hinzuweisen, und nicht dazu, irgendeinen wissenschaftlichen Aspekt zu beweisen. Der Beweis dafür ist, dass die Angesprochenen zur Zeit des Propheten ﷺ die darin enthaltenen wissenschaftlichen Aspekte nicht erfassten... Zudem erfolgte keine Herausforderung damit. Es handelt sich also nicht um ein Wunder (Mu'jizah), mit dem der Prophet sein Volk herausfordert, um die Wahrhaftigkeit seines Prophetentums zu beweisen.
6- Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Unnachahmlichkeit im edlen Koran in seinem sprachlichen Stil liegt, mit dem die Herausforderung erfolgte. Der edle Koran hat die Araber nicht mit einer wissenschaftlichen Unnachahmlichkeit herausgefordert, um das Prophetentum des Gesandten ﷺ zu beweisen... Vielmehr ist das Wunder des Gesandten Muhammad ﷺ der edle Koran selbst. Allah hat die Menschen und die Dschinn herausgefordert, etwas Gleiches hervorzubringen, doch sie konnten es nicht und werden es niemals können, selbst wenn sie einander beistehen würden:
قُلْ لَئِنِ اجْتَمَعَتِ الْإِنْسُ وَالْجِنُّ عَلَى أَنْ يَأْتُوا بِمِثْلِ هَذَا الْقُرْآنِ لَا يَأْتُونَ بِمِثْلِهِ وَلَوْ كَانَ بَعْضُهُمْ لِبَعْضٍ ظَهِيرًا
„Sprich: Wenn sich die Menschen und die Dschinn versammelten, um diesem Koran etwas Gleiches zu bringen, brächten sie nicht seinesgleichen, selbst wenn sie einander Beistand leisteten.“ (Sure Al-Isra [17]: 88)
- Somit ist das Wunder des Gesandten ﷺ, mit dem er herausforderte, um sein Prophetentum zu beweisen, der edle Koran.
Euer Bruder Ata Bin Khalil Abu Al-Rashtah
- Ramadan 1438 n. H. entspricht dem 03.06.2017 n. Chr.
Link zur Antwort auf der Facebook-Seite des Amirs: Facebook
Link zur Antwort auf der Google Plus-Seite des Amirs: Google Plus
Link zur Antwort auf der Twitter-Seite des Amirs: Twitter
Link zur Antwort auf der Webseite des Amirs: Webseite