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Fragen & Antworten

Beantwortung einer Frage: Die politischen Entwicklungen auf der libyschen Bühne

November 07, 2017
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Frage:

Am 04.11.2017 veröffentlichte Al-Sharq Al-Awsat: „Abschluss der Kairoer Treffen mit einer Einigung auf die Vereinigung der libyschen Militärinstitution.“ Libysche Militärvertreter hatten sich am 30.10.2017 in Kairo unter der Ankündigung getroffen, die Struktur der libyschen Armee neu zu ordnen. Dies geschah zu einer Zeit, in der Ghassan Salamé, der UN-Sondergesandte für Libyen, begann, libysche Gespräche mit der Sarradsch-Regierung und dem Abgeordnetenrat in Tobruk über eine Roadmap für eine Lösung zu führen, die er am 21.09.2017 ausgearbeitet hatte. Diese Gespräche wurden jedoch nach weniger als einem Monat aufgrund der Problematik von Artikel 8 des Abkommens von Skhirat ausgesetzt, das am 17. Dezember 2015 unterzeichnet worden war. Die Frage lautet: Bedeutet der Beginn militärischer Treffen, dass die politischen Treffen gescheitert sind? Mit anderen Worten: Dienen die militärischen Gespräche dazu, eine militärische Lösung für Artikel 8 zu finden, nachdem die politischen Gespräche gescheitert sind? Und was hat sich in diesen zwei Jahren seit dem Abkommen von Skhirat geändert, da beide Seiten es damals unterzeichneten und nun uneins sind? Vielen Dank.

Antwort:

Es hat sich im Grunde nichts Neues ergeben. Beide Seiten unterzeichneten das Abkommen von Skhirat, während die Keime des Dissenses bereits vorhanden waren. Die Unterzeichnung erfolgte jedoch von jeder Seite zu unterschiedlichen Zwecken und aus unterschiedlichen Motiven. Um das Bild zu verdeutlichen, führen wir folgende Punkte an:

  1. Während der Ära Gaddafis war die politisch aktive Schicht pro-britisch orientiert, während der US-Einfluss in jener Zeit kaum wirksam war. Als die Ära Gaddafis endete, kletterte die alte politische Elite erneut empor, da ihre Wurzeln vorhanden waren und nicht herausgerissen wurden. Daher war der britische Einfluss unter den Politikern vorherrschend, während pro-amerikanische Politiker keine effektive Präsenz hatten. Aus diesem Grund war Europa an Wahlen interessiert, um so schnell wie möglich eine Regierung und ein Parlament zu schaffen, da man erwartete, dass die Ergebnisse aufgrund des Einflusses der alten politischen Schicht zu ihren Gunsten ausfallen würden. Amerika hingegen war daran interessiert, jegliche Wahlen zu behindern, bis es eine neue politische Schicht geschaffen hatte, die der pro-britischen Elite die Stirn bieten konnte. Mit anderen Worten: Europa lag an einer Beschleunigung der politischen Lösung, während Amerika an einer Verzögerung der Lösungen interessiert war, bis es eine neue politische Elite geschaffen hatte. Dabei blieb ihm keine andere Wahl, als diese Schicht durch militärische Arroganz zu formen, wie es Amerikas Gewohnheit ist.

  2. Amerika entsandte den libyschen Offizier (Haftar), um in Libyen seinen Interessen zu dienen; sein Lebenslauf spricht Bände über seine Loyalität gegenüber Amerika. Er wurde im März 1987 zusammen mit etwa 300 libyschen Soldaten im Tschad gefangen genommen. Danach vermittelte Amerika mit dem Tschad, und der US-Geheimdienst CIA verhandelte 1990 über seine Freilassung. US-Flugzeuge transportierten Haftar und seine Gruppe nach Zaire und dann nach Amerika, wo ihm politisches Asyl gewährt wurde und er sich der libyschen Oppositionsbewegung im Ausland anschloss. So verbrachte Haftar die nächsten 20 Jahre im US-Bundesstaat Virginia, wo er von der CIA in Guerillakriegsführung ausgebildet wurde. Er kehrte erst nach der Revolution vom 17. Februar nach Libyen zurück. Amerika schickte ihn dorthin, damit er versuche, eine Militärmacht aufzubauen, durch die er Gebiete in Libyen gewinnen und eine neue politische Schicht durch militärische „Siege“ formen könnte. Dies geschah durch die direkte Versorgung mit Waffen und Geldern oder über seinen Agenten Sisi in Ägypten. Amerika blockierte jede politische Lösung in Libyen in Erwartung, dass Haftar einen wirksamen Einfluss erlangen könne. Er konzentrierte sich auf den Osten, da Tripolis voll von der pro-europäischen, insbesondere pro-britischen Elite war. Es gelang ihm in gewissem Maße, eine Macht im Osten Libyens zu festigen und den Abgeordnetenrat in Tobruk zu dominieren.

  3. Im Jahr 2015 war Europa daran interessiert, nicht länger als bis zu diesem Jahr auf eine politische Lösung zu warten, bevor sich die Realität der politischen Schicht änderte. Europa bemühte sich nach Kräften, einen pro-europäischen Gesandten nach Libyen zu schicken, um die Schritte zu beschleunigen, und es gelang ihm, Bernardino León zu entsenden. Man begann, die politische Lösung zu forcieren, und konnte im Sicherheitsrat eine Atmosphäre des Drucks erzeugen, die gleichzeitig für Amerika peinlich gewesen wäre, wenn es die politische Lösung abgelehnt hätte. Von amerikanischer Seite betrachtete man die Angelegenheit aus einem anderen Blickwinkel: Man sah, dass ein Widerspruch gegen die politische Lösung nach deren massiver Propagierung nicht in ihrem Interesse lag. Gleichzeitig bestand ihr Plan darin, dem Abkommen von Skhirat zuzustimmen, um es durch Abänderung zu dominieren oder es ganz zu Fall zu bringen. So kam es auch. Artikel 8 des Abkommens bezog sich auf die Kontrolle über die Militärmacht. Die pro-europäische Gruppe wusste, dass Haftar ein Agent Amerikas war und dass dieses ihn als Armeechef wollte. Deshalb setzten sie diesen Artikel ein, der besagt, dass die Armee dem Ministerpräsidium unterstellt ist, da Sarradsch ihnen loyal gegenübersteht. Dieser Artikel wurde zum massiven Hindernis, in dem Amerika eine günstige Gelegenheit sah, das Abkommen so lange zu blockieren, bis es Haftar gelingt, eine effektive Kraft in der Armee und vor Ort zu werden und somit eine einflussreiche politische Schicht zu schaffen, die der europäischen politischen Schicht in Tripolis und Umgebung den Rang streitig macht.

  4. Dies ist die aktuelle Realität, die sich seit dem Abkommen von Skhirat Ende 2015 kaum verändert hat. Es gab nichts Neues bezüglich der Ziele der beiden Parteien und ihrer politischen und militärischen Motive. Wir haben bereits zuvor Antworten auf Fragen zum Thema Libyen seit dem Abkommen von Skhirat veröffentlicht und die Angelegenheit darin für jeden klargestellt, der ein Herz hat oder hinhört und Zeuge ist:

  • In einer Beantwortung vom 03.06.2014 hieß es: „Amerika ist sich bewusst, dass das politische Milieu in Libyen ein britisches Produkt ist, mit einigen französischen Ausläufern, die das pro-britische politische Milieu in Libyen stärken. Das bedeutet, dass bei künftigen Wahlen die Männer Europas mit einer kleinen Anzahl von ‚Unabhängigen‘ aufsteigen werden, woraufhin sich die Lage stabilisiert und die Ambitionen Amerikas scheitern, welches seinen tatsächlichen militärischen Einfluss bei der Beendigung der Herrschaft Gaddafis ausnutzen wollte, um den größten Anteil am Einfluss zu erhalten. Dies ist für Amerika nicht möglich, wenn Wahlen in dieser Atmosphäre abgehalten werden, die nach wie vor europäisch geprägt ist. So dachte es daran, die Karten militärisch neu zu mischen und die Atmosphäre in Libyen umzugestalten, um eine neue, ihm loyale politische Schicht zu schaffen und erst danach Wahlen abzuhalten. Der erste Schritt bestand darin, einen Militär mit einer Bewegung zu beauftragen, die einem Putsch gegen den bestehenden Zustand ähnelt, der vom Nationalkongress dominiert wird, in dem die Männer Europas die Mehrheit stellen... Dies dient dazu, die Karten neu zu mischen und die Wahlen auf Umstände zu verschieben, die für Amerika besser sind. Sollten sie nicht rein amerikanisch ausfallen, so doch zumindest in Partnerschaft mit Europa, damit Amerika das Feld nicht allein überlassen wird. So setzte sich Haftar in Bewegung, dessen Lebenslauf von seiner Loyalität zu Amerika zeugt...“

  • In einer Beantwortung vom 11.04.2015 hieß es: „Europa ist sich dieser Tatsache bewusst, dass Amerika daran arbeitet, die Verhandlungen scheitern zu lassen. Daher hat es einen Gesandten gewählt, dem es vertraut, nämlich Bernardino León, der ursprünglich ein europäischer Gesandter ist... Bernardino León begann, die Schritte zu beschleunigen, um zu einer politischen Lösung zu gelangen. Sein Anliegen war es, seine Aufgabe innerhalb seiner ersten Amtszeit zu erfüllen, die Ende März 2015 enden sollte, bevor sie gemäß der Sicherheitsratsresolution Nr. 2213 bis zum 15. September 2015 verlängert wurde. Er war in Eile, sie in der ersten Frist abzuschließen. Die ‚Verhandlungen‘ begannen in Genf, zogen nach Libyen, dann nach Marokko und Algerien um und kehrten schließlich nach Marokko zurück. In der Verhandlungsrunde in Marokko am Donnerstag, den 12.03.2015, baten die Mitglieder des Parlaments von Tobruk um eine Verschiebung der Fortsetzung der politischen Konsultationen zwischen den libyschen Parteien um eine weitere Woche, also auf Donnerstag, den 19.03.2015, für weitere Beratungen... León betonte die Wichtigkeit, so schnell wie möglich eine politische Lösung zu finden... Ebenso wurde am 16.03.2015 eine gemeinsame Erklärung der Europäischen Union herausgegeben, die vor dem Scheitern der Verhandlungen warnte: ‚Ein Scheitern bei der Erzielung einer politischen Einigung wird die Einheit Libyens gefährden... Sobald eine Einigung über die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit und entsprechende Sicherheitsvereinbarungen erzielt wurde, wird die Europäische Union bereit sein, ihre Unterstützung für Libyen zu verstärken‘ (Deutsche Presse-Agentur, 16.03.2015)...“

  • In einer Beantwortung vom 19.01.2016 hieß es: „Großbritannien war sich bewusst, dass das politische Milieu oder der Großteil davon auf seiner Seite steht. Daher war es zuversichtlich, dass jede Übergangsregierung nach den Vorschlägen von León auf seiner Seite stehen würde. Aus diesem Grund war es daran interessiert, das Abkommen von Skhirat zu beschleunigen und es noch während der Amtszeit von León zu verabschieden. Als dies nicht gelang und Kobler kam und Änderungen vorgenommen wurden, erkannte Großbritannien, dass diese Änderungen auf amerikanischen Druck auf Kobler zurückzuführen waren, als einer der weiteren amerikanischen Schritte, um das Abkommen vollständig scheitern zu lassen, bis Amerika es nach seinen Vorstellungen neu formuliert. Dies sollte geschehen, nachdem eine neue politische Schicht infolge militärischer Aktionen von Haftar, zeitgleich mit von Amerika gesteuerten politischen Verschwörungen, geschaffen worden war. Dementsprechend sah Großbritannien die Notwendigkeit, den Abschluss des Abkommens zu beschleunigen, bevor andere, unvorhersehbare Dinge geschehen. Das Abkommen blieb für Großbritannien selbst mit den ‚Kobler‘-Änderungen akzeptabel. So beschleunigte es die Dinge und drängte auf den Abschluss des endgültigen Abkommens in Skhirat in Marokko am 17.12.2015. Um dies international legitim und akzeptabel zu machen, wandte es sich an den Sicherheitsrat und legte den Resolutionsentwurf 2259 zur Unterstützung der Beschlüsse des endgültigen Abkommens vor... Was Großbritannien zur Eile veranlasste, waren die amerikanischen Versuche, die Vereinbarungen zu behindern... Darauf wies der ehemalige Berater des Präsidenten des libyschen Abgeordnetenrates, Issa Abdul Qayyum, am 13.12.2015 auf dem Sender Al-Ghad Al-Arabi hin, als er sagte: ‚... Die Erklärungen von Kerry, dem US-Außenminister, machten deutlich, dass die Amerikaner im Gegensatz zu den Briten und Franzosen, die Begeisterung zeigten, nicht genügend Enthusiasmus für die Lösung der Krise aufbringen...‘“

  • In einer Beantwortung vom 12.03.2016 hieß es: „Der Grund für diese (amerikanische) Behinderung ist, dass der Großteil des politischen Milieus in Libyen aus Überresten Gaddafis besteht, d. h. europahörig ist... Jede ministerielle Zusammensetzung wird nach diesem Maßstab erfolgen, wie es in dem neuen Ministerium der Fall ist. Amerika verlässt sich auf Haftar und eine Gruppe von Militärs um ihn herum... Deshalb behindert Amerika die politische Lösung so weit wie möglich durch militärische Interventionen von seiner Seite, durch Haftar und durch seine Anhänger, bis es eine Herrschaft garantieren kann, an der es den Löwenanteil hat... Dies steht im Gegensatz zu Europa, das auf den Erfolg des Abkommens, die Bildung der Regierung und deren Bestätigung hinarbeitet, da es nach wie vor das politische Milieu kontrolliert. Dafür gibt es viele Beweise: So besuchte der britische Außenminister Philip Hammond Algerien und traf sich am 19.02.2016 mit dessen Außenminister Ramtane Lamamra, wobei er betonte, dass ‚eine militärische Intervention in Libyen nicht die am besten geeignete Lösung zur Beilegung der Krise darstellt, die das Land erlebt, und rief zu einer politischen Lösung auf‘ (Al-Khabar Al-Jazairia, 19.02.2016).“

  1. Daher waren die Dinge für jeden, der Augen hat, seit der Unterzeichnung des Skhirat-Abkommens im Dezember 2015, ja sogar davor, klar: Europa beschleunigte die Lösung, weil die bestehende politische Schicht ihm loyal gegenüberstand, und Amerika behinderte die Lösung, bis es durch sein Werkzeug Haftar die militärische Macht erlangen und daraufhin eine neue politische Macht schaffen konnte... Aus diesem Grund traten die Verhandlungen auf der Stelle; mal näherten sie sich an, mal entfernten sie sich wieder. Weniger als einen Monat nach ihrem Beginn zog sich die Delegation aus Tobruk zurück, woraufhin sie ausgesetzt wurden... Salamé traf sich mit diesem und jenem, machte hier und da Vorschläge und rechtfertigte ihren Rückzug und ihre Rückkehr von Tunesien nach Libyen mit Konsultationen mit ihren Auftraggebern... Vielleicht weiß er, dass die Einigung beider Parteien auf die endgültige Lösung die Zustimmung der internationalen Mächte erfordert, die hinter ihnen stehen. Darüber verfügt Ghassan Salamé nicht, und selbst die beiden Parteien verfügen nicht darüber, es sei denn, jene, die hinter ihnen stehen, einigen sich. So erfolgten der Rückzug, die Aussetzung und die Rückkehr von Tunesien nach Libyen unter dem Vorwand der Konsultation mit ihren Auftraggebern:
  • „Der Korrespondent von Al-Jazeera sagte, dass sich die Delegation des libyschen Abgeordnetenrates aus den Verhandlungen mit dem Hohen Staatsrat zurückgezogen habe, ohne die Gründe dafür zu nennen, nach zwei Dialogrunden in Tunesien zur Änderung des Skhirat-Abkommens... Der Korrespondent berichtete jedoch, dass die Gründe möglicherweise mit der Formulierung von Artikel 8 zusammenhängen, der in einer hitzigen Sitzung heute Vormittag zur Sprache kam, in der das Thema des Präsidialrates und der Regierung diskutiert wurde.“ (Al-Jazeera, 16.10.2017)... Und: „Eine Quelle teilte Al-Jazeera mit, dass im Hauptquartier der UN-Mission in Tunesien ein Treffen zwischen dem UN-Gesandten für Libyen, Ghassan Salamé, und den Leitern der beiden Dialogdelegationen, Moussa Faraj und Abd al-Salam Nassiya, stattfindet, um zu bewerten, was gestern, am Montag, bezüglich der Aussetzung der Sitzungen zwischen den beiden Delegationen geschah...“ (Al-Jazeera, 17.10.2017)... Und: „Der Korrespondent von Al-Jazeera in Tunesien berichtete, dass die UN-Mission in Libyen den beiden libyschen Dialogparteien ein Papier überreicht habe, das die Formulierung der Einigungs- und Differenzpunkte zwischen ihnen enthielt, um diese in ihren heutigen Treffen zu prüfen und ihre Anmerkungen dazu jeweils gesondert abzugeben.“ (Al-Jazeera, 18.10.2017)... „Während einer Pressekonferenz, die Salamé am Samstag, den 21.10.2017, in Tunesien abhielt, wies er darauf hin, dass es Bereiche der Verständigung und Übereinkunft zwischen den Delegationen des Staatsrates und des libyschen Abgeordnetenrates gebe, die in Tunesien verhandeln, was ihre Rückkehr nach Libyen am Sonntag erforderlich mache, um mit den dortigen politischen Führern zu beraten. Er wies darauf hin, dass Differenzpunkte bestünden, darunter Artikel 8, um deren Beseitigung sich die UN-Mission bemühen werde.“ (Al-Jazeera, 24.10.2017).
  1. Daher konzentrierte sich Haftar auf das militärische Vorgehen, und das war kein Geheimnis. Vielmehr konzentrierten sich Haftars militärische Aktionen und Erklärungen während der Verhandlungen des Präsidialrates und des Parlaments von Tobruk unter der Schirmherrschaft von Ghassan Salamé, die am 21.09.2017 begannen, auf das militärische Handeln. Seine Erklärungen in dieser Zeit stellten die Wirksamkeit der Verhandlungen infrage. Al-Jazeera veröffentlichte am 14.10.2017: „Der pensionierte General Khalifa Haftar zweifelte an der Möglichkeit, die Krise in Libyen gemäß dem von den Vereinten Nationen gesponserten Verhandlungsweg zu lösen... Haftar sagte in einer Rede auf der ersten Sicherheitskonferenz in der Stadt Bengasi, dass es keine Anzeichen gebe, die das Volk beruhigen könnten, dass der laufende Dialog die einzige Lösung für die aktuelle politische Krise sei. Haftar deutete andere Alternativen zum politischen Dialog an, darunter die Armee und alle Sicherheitsapparate, ‚die dem Wunsch des Volkes folgen werden‘.“ Haftar hatte bereits Mitte August 2017 erklärt: „Wir sind entschlossen, den Kampf fortzusetzen, bis die Armee ihre Kontrolle über das gesamte libysche Territorium ausgedehnt hat...“ (Al-Sharq Al-Awsat, 15.08.2017).

Daher ist Amerikas Fokus auf die militärische Lösung, die die politische Lösung anführen soll, ein Kernbestandteil seines Vorgehens in Libyen. Es behindert die politische Lösung, bis es Haftar gelingt, sein militärisches Kontrollgebiet zu vergrößern, woraufhin die Lösung unter stärkerem amerikanischem Einfluss als dem europäischem erfolgen soll. Das heißt, Amerika konzentriert sich auf die militärische Lösung, damit diese die politische Lösung leitet, und nutzt jede passende Gelegenheit hierfür... Als es daher die Gelegenheit für ein Militärtreffen in Kairo für günstig hielt, um den tatsächlichen Einfluss Haftars in der Armee sicherzustellen, befahl es Haftar dies am 30.10.2017. So kam es zum Treffen der libyschen Militärfraktionen in Kairo, die alle Haftar unterstützen oder ihn nicht ablehnen... Das Treffen endete am Abend des 02.11.2017: „Al-Sharq Al-Awsat erfuhr, dass die dritte Runde der Verhandlungen zur Vereinigung der libyschen Militärinstitution, die in Kairo zwischen libyschen Offizieren stattfand und vorgestern Abend abgeschlossen wurde, zu fast endgültigen Übereinkunftspunkten über die Vereinigung der libyschen Armee und ihr Verhältnis zur zivilen Autorität in Libyen geführt hat, das seit 2011 unter militärischem und sicherheitspolitischem Chaos leidet...“ (Al-Sharq Al-Awsat, 4. November 2017). Dies ist ein Indiz dafür, dass Amerika und seine Werkzeuge, Ägypten und Haftar, in gewissem Maße Fortschritte erzielt haben, da Haftar zu einem schwierigen Faktor geworden ist, der die Kontrolle über einen großen Teil des Landes besitzt, insbesondere im Osten und im Öl-Halbmond, im Gegensatz zu einer gewissen Verlangsamung der Gewinne Europas (Großbritannien und ein wenig Frankreich und Italien). Dennoch bedeutet dies nicht, dass der Konflikt beendet ist, denn Europa hat ebenfalls seine Kräfte in Libyen und ist zudem in politischen Angelegenheiten listiger als Amerika... So ist die Fortsetzung des internationalen Konflikts um Libyen zwischen Amerika und seinen Werkzeugen einerseits und Europa und seinen Werkzeugen andererseits zu erwarten... und die Libyer verbrennen im Feuer dieses Konflikts...!

  1. Es ist erwähnenswert, dass die Angelegenheiten der Muslime durch die Hände der Muslime gelöst werden müssen und nicht durch die Hände ihrer Feinde. Die Lösung ist einfach und leicht für jenen, dem Allah sie erleichtert; ihre Waffe ist die Aufrichtigkeit gegenüber Allah im Geheimen und im Offenbaren und die Wahrhaftigkeit gegenüber dem Gesandten Allahs ﷺ in Wort und Tat. Dann werden die Verhandelnden erkennen, dass sie vor einem tief verwurzelten islamischen Land stehen, seit der islamischen Eroberung zur Zeit des rechtgeleiteten Kalifen Umar ibn al-Khattab (r), dessen gesamte Bewohner Muslime sind und dessen Probleme durch das Buch Allahs, des Erhabenen, und die Sunna Seines Gesandten ﷺ zu lösen sind, ohne jegliche Verbindung zu den kolonialistischen Kuffar:

وَلَا تَرْكَنُوا إِلَى الَّذِينَ ظَلَمُوا فَتَمَسَّكُمُ النَّارُ وَمَا لَكُمْ مِنْ دُونِ اللَّهِ مِنْ أَوْلِيَاءَ ثُمَّ لَا تُنْصَرُونَ „Und neigt euch nicht jenen zu, die Unrecht tun, sonst wird euch das Feuer berühren; und ihr werdet außer Allah keine Beschützer haben, und hierauf wird euch kein Sieg verliehen.“ (Sure Hud [11]: 113)

Abschließend wiederholen wir, was wir bereits sagten: Es ist schmerzlich, dass die Länder der Muslime, die der Ausgangspunkt für die Eroberungen und die Verbreitung des Islam waren, der Gerechtigkeit und das Gute in alle Teile der Welt trägt... dass diese Länder zu einem Schlachtfeld geworden sind, auf dem die kolonialistischen Kuffar darum wetteifern, uns zu töten und unseren Reichtum zu plündern... Sie lachen aus vollem Halse bei jedem Tropfen Blut, der von uns fließt, nicht nur durch ihre eigenen Hände, sondern auch durch die Hände ihrer Agenten aus unseren eigenen Reihen!

Die kolonialistischen Kuffar sind unsere Feinde, daher ist es nicht verwunderlich, dass sie alles daransetzen, uns zu töten. Dass sich aber libysche Kontrahenten mit ihnen verbünden, von denen die einen Amerika und die anderen Europa die Treue halten und sich dann untereinander bekämpfen – einen Kampf, der nicht für den Islam und die Erhöhung des Wortes Allahs geführt wird, sondern für die Interessen der kolonialistischen Kuffar... das gehört wahrlich zu den größten Übeln. Denn das gegenseitige Bekämpfen der Muslime untereinander ist ein schweres Verbrechen im Islam. Der Gesandte ﷺ sagte:

كُلُّ الْمُسْلِمِ عَلَى الْمُسْلِمِ حَرَامٌ، دَمُهُ، وَمَالُهُ، وَعِرْضُهُ „Alles an einem Muslim ist für den anderen Muslim unantastbar (haram): sein Blut, sein Besitz und seine Ehre.“ (Überliefert von Muslim nach Abu Huraira)

Und der Gesandte ﷺ sagte:

لَزَوَالُ الدُّنْيَا أَهْوَنُ عِنْدَ اللَّهِ مِنْ قَتْلِ رَجُلٍ مُسْلِمٍ „Das Vergehen der Welt ist bei Allah wahrlich geringfügiger als die Tötung eines muslimischen Mannes.“ (Überliefert von an-Nasa'i nach Abdullah ibn Amr)

إِنَّ فِي ذَٰلِكَ لَذِكْرَىٰ لِمَن كَانَ لَهُ قَلْبٌ أَوْ أَلْقَى السَّمْعَ وَهُوَ شَهِيدٌ „Darin liegt wahrlich eine Ermahnung für jenen, der ein Herz hat oder hinhört und Zeuge ist.“ (Sure Qaf [50]: 37)

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