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Antwort auf eine Frage: Die schariatische Methode zur Errichtung des Kalifats und der Herrscher durch Überwältigung (Sultan al-Mutaghallib)

July 12, 2014
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Frage:

In einigen Foren finden sich Kommentare mit dem Inhalt: „Hizb ut-Tahrir hat die Methode des ‚Ersuchens um Unterstützung‘ (Talab an-Nusrah) zur Errichtung des Kalifats festgelegt und hält strikt daran fest, ohne eine andere schariatische Methode anzuerkennen... Dabei gibt es eine andere Methode, nämlich die ‚Methode des Herrschers durch Überwältigung‘ (Sultan al-Mutaghallib), d. h. derjenige, der den Staat durch Gewalt und Kampf errichtet...“ Es wurde zudem behauptet, Hizb ut-Tahrir habe gegen die Proklamation al-Baghdadis aus parteiischer Voreingenommenheit protestiert, da die Partei ein Kalifat nur dann als legitim ansehe, wenn sie es selbst errichtet habe. Gibt es eine hinreichende Antwort auf diese Behauptungen? Möge Allah es dir mit Gutem vergelten.

Antwort:

  1. Hizb ut-Tahrir hat die schariatische Methode zur Errichtung des Kalifats nicht selbst festgelegt, sondern es ist die Scharia, die sie bestimmt hat. Die Biografie (Sira) des Gesandten Allahs (s) spricht seit Beginn des Aufrufs zum Islam bis hin zur Errichtung des Staates eine deutliche Sprache. Der Errichtung des Staates ging das Ersuchen des Gesandten (s) um Unterstützung (Talab an-Nusrah) bei den Leuten von Macht und Einfluss (Ahl al-Quwwah wa al-Man'ah) voraus, welche die Grundvoraussetzungen eines Staates gemäß der Realität der sie umgebenden Region erfüllten. Daher wandte sich der Gesandte (s) gezielt an die starken Stämme, rief sie zum Islam auf und bat sie um Unterstützung, wie er es bei den Thaqif, den Bani 'Amir, den Bani Shaiban und den Ansar in Medina tat. Bei kleinen Stämmen begnügte sich der Gesandte (s) damit, sie zum Islam aufzurufen. Er hielt an dieser Vorgehensweise fest, trotz aller Schwierigkeiten und Entbehrungen, denen er (s) begegnete. Die Wiederholung einer Handlung, die mit Mühsal verbunden ist, gilt in der Wissenschaft der Grundlagen (Usul) als Beleg für eine Verpflichtung (Fard).

So fuhr der Gesandte Allahs (s) fort, die Leute von Macht und Einfluss um Unterstützung zu bitten: Ein Stamm verletzte seine Füße, ein anderer wies ihn ab und wieder ein anderer stellte Bedingungen. Dennoch blieb der Gesandte (s) standhaft bei dem, was Allah ihm offenbart hatte, ohne die Methode zu ändern – etwa indem er seinen Gefährten befohlen hätte, gegen die Leute von Mekka oder gegen bestimmte Stämme zu kämpfen, um den Staat in ihrer Mitte zu errichten. Seine Gefährten waren Helden, die niemanden außer Allah fürchteten, doch der Gesandte (s) befahl ihnen dies nicht. Stattdessen suchte er weiter nach Unterstützung bei den Leuten von Macht und Einfluss, bis Allah ihm die Ansar zuführte. Diese leisteten ihm den zweiten Treueid von 'Aqaba (Bay'at al-'Aqaba ath-Thaniya), nachdem Mus'ab (r) die Mission, die ihm der Gesandte (s) in Medina übertragen hatte, erfolgreich abgeschlossen hatte. Neben dem Erfolg, den Allah ihm durch Männer von Macht gewährte, die ihn unterstützten, hatte er mit Allahs Erlaubnis den Islam in die Häuser Medinas getragen und dort eine öffentliche Meinung (Ra'y Am) für den Islam geschaffen. So vereinte sich die öffentliche Meinung mit dem Treueid der Ansar. Daraufhin errichtete der Gesandte (s) den Staat in Medina durch eine reine, lautere Bay'ah und einen herzlichen Empfang durch die Bewohner von Medina.

Dies ist die schariatische Methode zur Errichtung des Staates, der man grundsätzlich folgen muss. Denn die Grundregel für Handlungen ist die Bindung an das schariatische Urteil. Wenn ein Muslim wissen will, wie er beten soll, studiert er die Belege für das Gebet; wenn er den Dschihad vollziehen will, studiert er die Belege für den Dschihad; und wenn er den Staat errichten will, muss er die Belege für dessen Errichtung aus der Handlung des Gesandten Allahs (s) studieren. Es ist vom Gesandten Allahs (s) keine andere Methode zur Errichtung des Staates überliefert als die in seiner Sira (s) dargelegte. Diese beinhaltet den Aufruf der Leute von Macht und Einfluss, die die Voraussetzungen eines Staates erfüllen, zum Islam sowie das Ersuchen um ihre Unterstützung und ihren Treueid aus freier Entscheidung und Wohlwollen, nachdem bei ihnen und in ihrer Region eine öffentliche Meinung geschaffen wurde, die aus einem allgemeinen Bewusstsein (Wa'y Am) entspringt.

Somit ist die schariatische Methode zur Errichtung des Kalifats im Islam klar definiert, und es ist offensichtlich, dass die Urheber jener Proklamation dieser Methode nicht gefolgt sind.

  1. Was das Thema des „Herrschers durch Überwältigung“ (Sultan al-Mutaghallib) betrifft, das in einigen Fiqh-Büchern erwähnt wird, so muss man dessen Bedeutung verstehen. Man darf den Begriff nicht einfach wiederholen, ohne zu begreifen, wann und wie er schariatisch Geltung erlangen kann und wann nicht – in letzterem Fall wäre er ein Unheil für seine Anhänger!

Ein Herrscher, der durch Überwältigung an die Macht kommt, lädt durch das Vergießen des Blutes von Muslimen und die Unterdrückung durch Zwang und Gewalt Sünde auf sich. Ein Kalifat wird durch ihn schariatisch nicht begründet, da er der schariatischen Methode zuwidergehandelt hat. Dennoch gibt es unter den Rechtsgelehrten solche, die seine Herrschaft als legitim ansehen, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind, von denen die wichtigsten sind:

a) Er erlangt die Oberhand in einem Land, das die Voraussetzungen eines Staates in Bezug auf die Umgebung erfüllt, so dass er dort eine stabile Autorität besitzt und die innere sowie äußere Sicherheit gegenüber der Region gewährleisten kann.

b) Er wendet den Islam mit Gerechtigkeit und Güte in diesem Land an und führt einen guten Lebenswandel unter den Menschen, sodass er sie liebt und sie ihn lieben und mit ihm zufrieden sind.

c) Die Menschen in diesem Land leisten ihm den Treueid zur Einsetzung (Bay'at al-In'iqad) aus freiem Willen und Wohlwollen, nicht durch Zwang oder Gewalt. Zu den Bedingungen der schariatischen Bay'ah gehört, dass sie primär von den Bewohnern dieses Landes ausgeht und nicht von der Gruppe des Herrschers selbst. Denn die schariatische Bay'ah erfolgt in Nachahmung des Gesandten Allahs (s); dieser legte Wert darauf, die Bay'ah der Ansar, der Bewohner von Medina, aus freiem Willen zu erhalten, und nicht die seiner Gefährten unter den Auswanderern (Muhajirun). Der zweite Treueid von 'Aqaba zeugt davon.

So bleibt der Herrscher durch Überwältigung sündhaft und begründet keine schariatische Instanz, bis die oben genannten drei Bedingungen erfüllt sind. Erst ab dem Moment dieser Bay'ah aus freiem Willen wird seine Herrschaft legitim. Dies ist die Realität des Sultan al-Mutaghallib. Mögen einsichtige Ohren dies vernehmen. Es ist offensichtlich, dass diese Bedingungen bei den Urhebern jener Proklamation nicht erfüllt waren; vielmehr haben sie sich und ihre Proklamation zu Unrecht aufgezwungen.

Aus dem Vorangegangenen wird deutlich, dass sie weder der korrekten schariatischen Methode noch der Methode des Sultan al-Mutaghallib gefolgt sind. Vielmehr haben sie das Kalifat unrechtmäßig ausgerufen, bevor die Bedingungen dafür erfüllt waren. Daher hat ihre Proklamation schariatisch kein Gewicht und keinen Wert; sie ist nichtig, als wäre sie nicht vorhanden. Ihre Realität hat sich nicht geändert; sie blieben weiterhin das, was sie waren: eine bewaffnete Organisation.

  1. Die Behauptung, die Partei erkenne das Kalifat nur an, wenn sie es selbst errichtet habe, ist schwächer als das Netz einer Spinne! Dies ist eine Einflüsterung des Schaitans für jene mit kurzem Verstand und mangelnder Einsicht. Was die Partei will, ist die Errichtung eines reinen, ungetrübten und unverzerrten Kalifats. Wir sind wie die „Mutter des Kindes“: Unser Anliegen ist es, dass das Kind weder getötet noch entstellt wird. Vielmehr soll das Kind Kraft, Gesundheit und beste Fürsorge erfahren; es spielt keine Rolle, wer es aufzieht. Wir wollen, dass das Kalifat rechtmäßig errichtet wird, sodass es von großer Bedeutung und starker Autorität ist, den Islam im Inneren anwendet und ihn durch Einladung (Da'wah) und Dschihad nach außen trägt. Dann wird es wahrhaftig das Rechtgeleitete Kalifat (al-Khilafah ar-Rashidah) nach der Methode des Prophetentums sein, welches Allah verheißen und dessen Errichtung nach der Zwangsherrschaft (Hukm Jabri) Sein Gesandter (s) verkündet hat. Wer es dann rechtmäßig errichtet – ob wir oder andere –, dem wird Gehör und Gehorsam geschenkt. Dann wird die Erde mit Allahs Erlaubnis ihre Schätze hervorbringen und der Himmel seinen Segen herabsenden; der Islam und seine Anhänger werden gestärkt und der Unglaube (Kufr) und seine Anhänger erniedrigt. Und Allah ist der Allmächtige, der Allweise.

So wünschen wir uns die Rückkehr des Kalifats: rein und gesegnet, wie es der Gesandte Allahs (s) brachte und wie ihm seine Rechtgeleiteten Kalifen (r) darin folgten. Ein Kalifat, das Allah, Sein Gesandter und die Gläubigen lieben; ein Kalifat, das Freude in die Herzen der Muslime und Stolz in ihre Länder bringt – und nicht die Ausrufung eines entstellten Kalifatsnamens, der zu Unrecht mit dem Blut von Muslimen getränkt ist.

Es schmerzt uns, dass das Kalifat, welches die Welt erschüttert und vor dem die kolonialistischen Kuffar zittern, zum Gegenstand des Spottes und der Herabwürdigung geworden ist. So erklärten die USA in einem Kommentar zu jener Proklamation: „Es ist nichts“, anstatt beim Ausrufen des Kalifats Blut zu weinen. Ebenso schmerzt es uns, dass Menschen, für die das Kalifat eine großartige Angelegenheit war, nach der sie sich sehnten, es nun durch diese Proklamation als ein bedeutungsloses Ereignis wahrnehmen.

Die Partei ist eine treue Wächterin des Islam und fürchtet um Allahs willen keinen Tadel. Sie sagt dem Gutes Tuenden, dass er Gutes getan hat, und dem Übeltäter, dass er Übel getan hat. Dabei erstrebt sie weder parteiisches Interesse noch weltlichen Tand, sondern betrachtet die ganze Welt so, wie der Gesandte (s) es in dem von at-Tirmidhi überlieferten Hadith nach 'Abdullah ibn Mas'ud sagte:

مَا لِي وَلِلدُّنْيَا، مَا أَنَا فِي الدُّنْيَا إِلَّا كَرَاكِبٍ اسْتَظَلَّ تَحْتَ شَجَرَةٍ ثُمَّ رَاحَ وَتَرَكَهَا

„Was habe ich mit der Welt zu tun? Ich bin in dieser Welt nur wie ein Reiter, der im Schatten eines Baumes rastet, dann wieder aufbricht und ihn zurücklässt.“

Die Welt ist für die Partei jene kurze Zeitspanne unter diesem Baum, und sie ist bestrebt, diese Zeit mit aufrichtiger und unermüdlicher rechtschaffener Arbeit zu verbringen, um die Gesetze der Scharia durch die rechtmäßige Errichtung des Kalifats mit der Erlaubnis Allahs, des Allmächtigen, umzusetzen.

  1. Abschließend: Hizb ut-Tahrir hat über sechzig Jahre damit verbracht, für die Errichtung des Kalifats nach der Methode des Gesandten Allahs (s) zu arbeiten. Sie hat dafür lange Jahre in den Gefängnissen der Unterdrücker, unter Verfolgung, Erniedrigung und Folter durch die Tyrannen verbracht. Mitglieder der Partei starben als Märtyrer, andere erlitten Leid... Und sie bleibt trotz der Verschärfung des Leids standhaft auf der Wahrheit. Glaubt ihr, dass eine Partei in diesem Zustand gegen irgendeine Gruppe Einspruch erheben würde, die das Kalifat rechtmäßig errichtet – sei es die Partei selbst oder jemand anderes? Sie würde keinen Einspruch erheben, sondern sich voller Dankbarkeit vor Allah niederwerfen! Gleichzeitig steht sie jedoch jedem wachsam gegenüber, der den Namen des Kalifats zu Unrecht verwendet, um es zu verzerren und abzuwerten. Die Partei wird mit Allahs Erlaubnis ein fester Fels gegen jede List und Ränke bleiben, die darauf abzielt, das Kalifat zu entstellen oder herabzuwürdigen. Das Kalifat wird mit Allahs Erlaubnis durch die Hände von Männern errichtet werden, die weder Handel noch Kaufgeschäfte vom Gedenken an Allah ablenken; Männer, die seiner würdig und fähig sind. Dann wird die Dämmerung des Kalifats neu anbrechen:

وَيَوْمَئِذٍ يَفْرَحُ الْمُؤْمِنُونَ * بِنَصْرِ اللَّهِ يَنْصُرُ مَنْ يَشَاءُ وَهُوَ الْعَزِيزُ الرَّحِيمُ

„Und an jenem Tage werden die Gläubigen frohlocken über den Sieg Allahs. Er hilft, wem Er will; und Er ist der Allmächtige, der Barmherzige.“ (Sure Ar-Rum [30]: 4-5)

AmeerAr

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