Frage:
Wir wissen, dass Muhammad al-Fatih – möge Allah ihm barmherzig sein – bei der Eroberung Konstantinopels die Hagia Sophia als Moschee in Besitz nahm. Ebenso wissen wir, dass Mustafa Kemal – Allah möge ihn verfluchen – der Hagia Sophia den Status einer Moschee entzog und sie in ein Museum umwandelte. Im Jahr 2013 lehnte Erdogan eine Forderung von Muslimen ab, die Hagia Sophia wieder als Moschee zu eröffnen. In diesem Jahr erließ das Gericht auf Anordnung Erdogans die Entscheidung, sie wieder als Moschee zu nutzen. Das Gebet wurde dort am Freitag, dem 24.07.2020, verrichtet, wobei die christlichen Abbildungen an den Wänden nur während des Gebets abgedeckt werden. Beeinträchtigt dies die Gültigkeit des Gebets? Und woher kamen diese Abbildungen, wo doch die Hagia Sophia fast 500 Jahre lang eine reine und saubere Moschee war?
Es ist bei uns eine gewisse Verwirrung bezüglich des islamisch-rechtlichen Urteils (Hukm Shar’i) in Bezug auf die Hagia Sophia zur Zeit ihrer Eroberung durch Muhammad al-Fatih entstanden. Wir bitten Sie um die Erläuterung des islamisch-rechtlichen Urteils über die Gotteshäuser der Nichtmuslime in den eroberten Gebieten, damit unsere Herzen durch die Antwort Ruhe finden. Wir danken Ihnen herzlich.
Antwort:
Um die Antwort auf diese Fragen zu verdeutlichen, betrachten wir die relevanten Angelegenheiten und ihre Zusammenhänge unter Darlegung der islamisch-rechtlichen Sichtweise. Wir sagen, und bei Allah liegt der Erfolg:
Erstens: Wir haben bereits in unserer Ansprache vom 7. Dschumada al-Ula 1441 n. H. (02.01.2020) anlässlich des Jahrestages der Eroberung Konstantinopels im Jahr 857 n. H. (1453 m.) Folgendes dargelegt: „[...] Al-Fatih begann die Belagerung Konstantinopels am 26. Rabi’ al-Awwal, bis die Eroberung im Morgengrauen des Dienstags, den 20. Dschumada al-Ula 857 n. H., vollzogen war. Die Belagerung dauerte etwa zwei Monate. Als Muhammad al-Fatih siegreich in die Stadt einzog, stieg er von seinem Pferd und warf sich vor Allah in Dankbarkeit für diesen Sieg nieder. Dann begab er sich zur Hagia-Sophia-Kirche, in der sich das byzantinische Volk und seine Mönche versammelt hatten. Er gewährte ihnen Sicherheit und ordnete die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee an. Zudem befahl er die Errichtung einer Moschee an der Grabstätte des edlen Gefährten Abu Ayyub al-Ansari, der Teil des ersten Feldzuges zur Eroberung Konstantinopels gewesen war und dort – möge Allah mit ihm zufrieden sein – verstarb. Al-Fatih, der diesen Beinamen nach der Eroberung erhielt, entschied, Konstantinopel zur Hauptstadt seines Staates zu machen, nachdem zuvor Edirne die Hauptstadt war. Er nannte Konstantinopel nach der Eroberung ‚Islambul‘, was ‚Stadt des Islam‘ bzw. ‚Haus des Islam‘ bedeutet; später wurde sie als ‚Istanbul‘ bekannt. Al-Fatih betrat die Stadt, begab sich zur Hagia Sophia, betete darin, und sie wurde durch die Gnade und den Dank an Allah zu einer Moschee... So erfüllte sich die frohe Botschaft des Gesandten Allahs (saw), wie sie in seinem edlen Hadith überliefert wurde. Von Abdullah ibn Amr ibn al-As wird berichtet:**
بَيْنَمَا نَحْنُ حَوْلَ رَسُولِ اللَّهِ ﷺ نَكْتُبُ إِذْ سُئِلَ رَسُولِ اللَّهِ ﷺ أَيُّ الْمَدِينَتَيْنِ تُفْتَحُ أَوَّلاً قُسْطَنْطِينِيَّةُ أَوْ رُومِيَّةُ؟ فَقَالَ رَسُولِ اللَّهِ ﷺ: «مِدينَةُ هِرَقْلَ تُفْتَحُ أَوَّلاً، يَعْنِي قُسْطَنْطِينِيَّةَ»
„Während wir um den Gesandten Allahs (saw) herumsaßen und schrieben, wurde der Gesandte Allahs (saw) gefragt: ‚Welche der beiden Städte wird zuerst erobert werden, Konstantinopel oder Rom?‘ Da sagte der Gesandte Allahs (saw): ‚Die Stadt von Herakleios wird zuerst erobert‘, womit er Konstantinopel meinte.“ (Überliefert von Ahmad in seinem Musnad und al-Hakim im Mustadrak).
Ebenso im edlen Hadith von Abdullah ibn Bischr al-Chath’ami von seinem Vater, dass er den Propheten (saw) sagen hörte:
لَتُفْتَحَنَّ الْقُسْطَنْطِينِيَّةُ فَلَنِعْمَ الْأَمِيرُ أَمِيرُهَا وَلَنِعْمَ الْجَيْشُ ذَلِكَ الْجَيْشُ
„Wahrlich, Konstantinopel wird erobert werden. Was für ein vortrefflicher Befehlshaber ist ihr Befehlshaber, und was für ein vortreffliches Heer ist jenes Heer!“ (Überliefert von Ahmad).
Diese frohe Botschaft erfüllte sich durch diesen jungen Mann, Muhammad al-Fatih, der das 21. Lebensjahr noch nicht überschritten hatte. Er war jedoch seit seiner Kindheit hervorragend vorbereitet worden. Sein Vater, Sultan Murad II., widmete ihm große Aufmerksamkeit und ließ ihn bei den besten Gelehrten seiner Zeit lernen. Zu ihnen gehörte Scheich Ak Schams ad-Din Sunqur, der ihm seit seiner Kindheit den Hadith des Gesandten Allahs (saw) über die Eroberung Konstantinopels einprägte. Der Junge wuchs mit dem Streben heran, diese Eroberung durch seine Hände zu verwirklichen. Allah ehrte ihn durch Seine Huld, und so gebührte ihm das Lob des Gesandten Allahs (saw), denn al-Fatih war wahrlich ein vortrefflicher Führer...“
Zweitens: Seit dieser Zeit wurde die Hagia Sophia zu einer bedeutenden islamischen Moschee von großer Symbolkraft für die Muslime. Muhammad al-Fatih und die Fachleute seiner Ära entfernten die dem Islam widersprechenden Abbildungen von den Wänden oder überstrichen jene, die schwer zu entfernen waren. So wurde sie zu einer reinen, strahlenden Moschee, in der die Muslime beteten. Dies blieb so, bis der Verbrecher der Ära, Mustafa Kemal, das Gebet in dieser Moschee verbot und sie durch seinen unheilvollen Beschluss vom 24.11.1934 in ein Museum umwandelte. Zuvor hatte er die Moschee bereits ab 1930 für etwa vier Jahre geschlossen. (Die Hagia Sophia wurde zwischen 1930 und 1935 wegen Renovierungsarbeiten für Betende geschlossen, die auf Befehl von Mustafa Kemal durchgeführt wurden. Währenddessen wurden verschiedene Restaurierungen vorgenommen... Es folgte der Kabinettsbeschluss vom 24.11.1934. Quelle: aa.com.tr, 11.07.2020). Es ist nicht auszuschließen, dass in dieser Zeit Leute aus dem Westen kamen, um jene Abbildungen anzubringen, damit die Hagia Sophia 1935 als Museum eröffnet werden konnte, um den Menschen zu zeigen, dass dort christliche Relikte und Malereien existierten! Mustafa Kemal hatte zuvor sein größtes Verbrechen begangen: die Abschaffung des islamischen Kalifats im Jahr 1342 n. H. (1924 m.). So wie er jeden Ruf nach der Rückkehr des Kalifats brutal bekämpfte, tat er dies auch bei jedem Ruf nach der Rückkehr der Hagia Sophia als Moschee. Dennoch blieb die Sehnsucht der Muslime bestehen. Im Jahr 2012 beteten Tausende vor dem Gebäude aus Protest gegen das Verbot und riefen: „Brecht die Ketten... öffnet die Hagia Sophia... die gefangene Moschee.“ Erdogan jedoch antwortete diesen Fordernden im Jahr 2013 als Ministerpräsident, dass er nicht daran denke, den Status der Hagia Sophia zu ändern.
Drittens: Erdogans Sichtweise änderte sich während des Wahlkampfs für die Kommunalwahlen im März 2019, als er bemerkte, dass seine Popularität sank. Er sah, dass das „Spielen“ auf der Saite der Umwandlung der Hagia Sophia seine Umfragewerte steigern könnte. Doch die Muslime erkennen, dass die Rückkehr der Hagia Sophia als Moschee untrennbar mit dem Islam, dem Staat des Islam und dem Kalifat verbunden ist. Die Gläubigen wollen, dass sie unter dem Banner des Kalifats steht, dem Banner von La ilaha illa Allah, Muhammad Rasul Allah, und nicht unter dem Banner des Säkularismus und von Menschen gemachter Systeme! Daher erreichte Erdogans Kampagne nicht ihr Ziel, und er verlor Istanbul und Ankara – die beiden größten Städte der Türkei – an die Volkspartei (CHP), die Nachfolger von Mustafa Kemal. Dies geschah, weil die Menschen keinen großen Unterschied zwischen diesen Parteien sahen, solange keine von ihnen die Rückkehr des Kalifats anstrebte.
Viertens: Erdogan erkannte nicht, dass die Rückkehr der Hagia Sophia als Moschee keine Früchte trägt und ihn populär nicht stützt, es sei denn, sie ist mit der Rückkehr des Kalifats verbunden. Trotzdem ordnete er an, dass das Oberste Gericht am 10.07.2020 das Urteil zur Umwandlung in eine Moschee erließ – ohne jede Erwähnung des Kalifats. So wurde das Freitagsgebet am 24.07.2020 vollzogen, während das säkulare System und die menschlichen Gesetze weiterhin über der Hagia-Sophia-Moschee wehen!
Das Gebet zeigte jedoch, wie groß die Sehnsucht der Muslime nach dem Kalifat und der Rückkehr der Moschee in ihren ursprünglichen Zustand ist. Dies wurde in der Freude der Menschen über die Worte des Freitagspredigers Ali Erbas deutlich, der am 24.07.2020 sagte: „Alles Lob gebührt Allah, Der uns an diesem historischen Tag zusammengeführt hat... Friede sei mit al-Fatih... Die Hagia Sophia ist das Zeichen der Eroberung und das Vermächtnis des Eroberers. Sultan Muhammad al-Fatih hat diesen Ort als Stiftung (Waqf) bis zum Jüngsten Tag als Moschee festgelegt... In unserem Glauben darf Stiftungsvermögen nicht angetastet werden; die Bedingung des Stifters ist unumgänglich, und wer sie verletzt, setzt sich dem Fluch aus...“
Fünftens: Die Konzepte des Islam bewegten sich in den Herzen der Muslime, besonders als sie die frohe Botschaft des Propheten (saw) über Konstantinopel hörten. Sie erkannten, dass die Herrschaft des Islam es war, die Konstantinopel eroberte und die Hagia Sophia zur Moschee machte. Das Kalifat blieb dort 500 Jahre lang. Daher regten sich die Konzepte des Kalifats in ihnen, und einige Medien sprachen es offen aus, wie die Zeitschrift Gerçek Hayat (Das wahre Leben), die auf ihrem Titelblatt auf Arabisch schrieb: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ anlässlich des Rufs nach dem Kalifat. Es wäre die Pflicht Erdogans gewesen, darauf einzugehen, anstatt dass der Sprecher seiner Partei sich dagegen aussprach und betonte, dass die Türkei ein demokratischer, säkularer Rechtsstaat sei und es ein Fehler sei, eine politische Polarisierung über das politische System der Türkei herbeizuführen.
So ist es nicht, oh Herr Präsident der Republik! Zwar freut sich jeder aufrichtige Muslim über die Rückkehr der Hagia Sophia als Moschee, aber jeder aufrichtige Muslim möchte sie so, wie Muhammad al-Fatih sie begann: als Zeichen des Sieges und strahlendes Licht in der Geschichte des Osmanischen Kalifats. Er will sie als Moschee, über der das Banner des Islam und der Herrschaft des Islam weht – jenes Kalifat, in dessen Schatten sie 500 Jahre stand –, und nicht als flüchtiges Wahlkampfmittel unter dem Banner des Säkularismus und westlicher Interessen!
Sechstens: Was den letzten Teil der Frage betrifft (die Verwirrung über das islamisch-rechtliche Urteil bezüglich der Gotteshäuser in eroberten Ländern):
Mein Bruder, es darf keine Verwirrung im islamisch-rechtlichen Urteil (Hukm Shar'i) geben. Selbst wenn es verschiedene Meinungen unter den Gelehrten in Detailfragen gibt, basieren diese auf ihrem Verständnis der legitimen Beweise. Diese Angelegenheit ist nicht neu. Bei der Betrachtung zeigt sich Folgendes:
Die eroberten Länder fallen unter eine dieser Kategorien:
Städte, die von Muslimen gegründet wurden (wie Kufa, Basra, Wasit): Dort ist es nicht erlaubt, eine Kirche oder Synagoge zu errichten, und den Ahl adh-Dhimma ist es nicht erlaubt, dort Alkohol zu trinken oder Schweine zu halten. Es ist ein Haus des Islam (Dar al-Islam), das Muslime errichtet haben. Der Prophet (saw) sagte: „Es wird keine Kirche im Islam gebaut und was davon zerstört ist, wird nicht erneuert.“ (Überliefert von al-Burhanpuri in Kanz al-Ummal).
Was durch Vertrag (Sulhan) erobert wurde: Hier richtet sich das Urteil über Kirchen nach den Bedingungen des Friedensvertrages. Vorbild ist hier der Vertrag von Umar (ra) mit den Bewohnern von Aelia (Jerusalem) im Jahr 15 n. H.
Was gewaltsam (durch Kampf - Anwatan) erobert wurde: Dort ist es nicht erlaubt, neue Gotteshäuser zu errichten, da das Land Eigentum der Muslime geworden ist. Bezüglich dessen, was vor der Eroberung bereits existierte, gibt es zwei Ansichten:
- Erstens: Es wurde durch die Eroberung zu Eigentum der Muslime, daher dürfen keine Kirchen bleiben.
- Zweitens: Sie dürfen bleiben, basierend auf dem Hadith von Ibn Abbas: „Welche Stadt auch immer die Nichtaraber gründeten und Allah den Arabern den Sieg darüber verlieh... so steht ihnen das zu, was in ihrem Vertrag steht...“
Somit liegt die Entscheidung beim Eroberer (dem Imam), entsprechend dem Interesse (Maslaha) des Islam und der Muslime sowie der Sorge für die Untertanen (Muslime und Ahl adh-Dhimma).
Da Konstantinopel unter die Kategorie der „gewaltsamen Eroberung“ (Anwatan) fällt, ist das Handeln Muhammad al-Fatihs, die Hagia Sophia in eine Moschee umzuwandeln, Teil seiner Befugnisse.
Siebtens: Die Zusammenfassung der Antworten lautet:
- Bei friedlicher Eroberung gelten die Vertragsbedingungen.
- Bei gewaltsamer Eroberung liegt die Entscheidung beim muslimischen Herrscher.
- Was Muhammad al-Fatih tat, entsprach seinen Befugnissen als Eroberer.
- Es gibt Berichte, wonach er die Hagia Sophia aus seinem eigenen Privatvermögen kaufte und als Stiftung (Waqf) eintrug. Unabhängig von der Authentizität des Kaufs ist die Umwandlung islamisch-rechtlich legitim, da die Stadt durch Kampf erobert wurde.
- Zur Gültigkeit des Gebets bei vorhandenen Abbildungen: Solange sie während des Gebets abgedeckt sind, ist das Gebet gültig. Es ist jedoch nicht erlaubt, sie nach dem Gebet wieder zu enthüllen. Das islamisch-rechtliche Urteil verbietet Bilder an den Wänden einer Moschee. Wenn sie vorhanden sind, müssen sie dauerhaft entfernt oder endgültig überstrichen werden. Beweise dafür:
- Al-Buchari überliefert von Ibn Abbas (ra):
أَنَّ النَّبِيَّ ﷺ لَمَّا رَأَى الصُّوَرَ فِي الْبَيْتِ لَمْ يَدْخُلْ حَتَّى أَمَرَ بِهَا فَمُحِيَتْ
„Als der Prophet (saw) die Bilder im Hause (der Kaaba) sah, trat er nicht ein, bis er sie anordnete (zu entfernen), woraufhin sie gelöscht wurden...“
- Ahmad überliefert im Musnad: „Dass der Prophet (saw) Bilder im Haus verbot... und Umar ibn al-Khattab befahl, zur Kaaba zu gehen und jedes Bild darin zu löschen...“
Daher ist es verboten, Bilder in der Moschee zu belassen; sie dürfen nicht nur während des Gebets abgedeckt und danach wieder enthüllt werden.
Abschließend bitte ich Allah (swt), die Errichtung des Kalifats durch die Hände der für sie arbeitenden Muslime zu beschleunigen, damit sich alles erfüllt, was uns der Gesandte Allahs (saw) verheißen hat: Die Befreiung des gesegneten Landes vom Schmutz der Juden, die Eroberung Roms nach Konstantinopel, und dass die Erde erneut im Stolz des Islam erstrahlt und das Banner des Islam über allen anderen weht.
„Und Allah ist siegreich in Seiner Angelegenheit, doch die meisten Menschen wissen es nicht.“ (Sure Yusuf [12]: 21)
Tag von Arafa 1441 n. H. 30.07.2020 m.