Frage:
Die türkische Lira stürzte an einem einzigen Tag, dem 10.08.2018, um 14 % ab, nachdem sie seit Beginn des laufenden Jahres kontinuierlich um mehr als 21 % gefallen war. Der Verfall wurde durch die Verhängung von US-Zöllen auf Stahl und Aluminium aus der Türkei sowie die Thematisierung der seit 2016 in der Türkei andauernden Inhaftierung des US-Pastors und der Forderung nach seiner Freilassung verschärft. Was sind die Gründe für all dies? Und wohin steuert diese Krise? Möge Allah Sie mit Gutem belohnen.
Antwort: Um die Antwort zu verdeutlichen, müssen folgende Punkte bedacht werden:
Erstens: Die Lira-Krise und ihr anhaltender Verfall in Etappen:
Die Arbeit mit der Lira begann im Jahr 1927 mit einem Wert von etwa einem Dollar, nachdem die Khilafah und ihre auf Gold und Silber basierende Währung beseitigt worden waren. Die Geschichte des Verfalls der Lira begann 1933, als ein Dollar zwei Lira entsprach. Danach beschleunigte sich die Abwertungskette, bis der Dollar im Jahr 2001 einen Wert von 1,65 Millionen Lira erreichte. Das Defizit der türkischen Wirtschaft erreichte unter dem Druck des Internationalen Währungsfonds seinen Höhepunkt, und die Regierung von Ecevit, der den Engländern nahestand, geriet ins Wanken. Bei den Wahlen 2002 gewannen Erdogan und seine Partei mit Unterstützung der USA und bildeten die Regierung. Seine Regierung beschloss die Streichung von sechs Nullen, was vom Parlament genehmigt und ab dem 01.01.2005 umgesetzt wurde, sodass ein Dollar 1,79 Lira entsprach. Dies hielt jedoch nicht lange an. Seit 2013 begann die Lira erneut zu fallen und verzeichnete innerhalb von neun Monaten bis Anfang 2014 einen massiven Einbruch, bei dem sie 30 % ihres Wertes verlor. Dieser Prozess hat bis heute nicht aufgehört. Die Regierung Erdogan versuchte den Verfall zu begrenzen und die Stabilität zu wahren, konnte dies jedoch nicht erreichen. Seit Beginn des Jahres 2018 fiel die Lira auffällig stark und verlor bis Mitte des Jahres etwa 21 % ihres Wertes vom Jahresanfang, also innerhalb von sechs Monaten.
Danach, am 26. Juli dieses Jahres, trat die Krise dramatisch an die Oberfläche, als sowohl Trump als auch sein Vize Mike Pence mit Sanktionen gegen die Türkei drohten, falls Brunson nicht sofort freigelassen würde. Ende Juli sank die Lira gegenüber dem Dollar weiter auf 4,91 Lira, verglichen mit 4,76 Lira vor der Entscheidung der türkischen Zentralbank, den Riba-Zinssatz bei 17,75 % zu belassen, ohne ihn zu erhöhen. (Die türkische Zentralbank ließ die Zinssätze am Dienstag unverändert und widersprach damit den Erwartungen einer Erhöhung nach dem Anstieg der Inflation auf den höchsten Stand seit 14 Jahren. Die Bank beließ den Reposatz für eine Woche bei 17,75 %. Die Lira, die seit Anfang des Jahres etwa 20 % ihres Wertes verloren hatte, fiel nach der Entscheidung auf 4,91 % gegenüber dem Dollar, von 4,7605 unmittelbar davor. Quelle: Sky News Arabic – Dienstag, 24. Juli 2018).
Daraufhin erfolgte die Ankündigung von Sanktionen in einem Tweet von Trump auf Twitter, woraufhin sich der Verfall der türkischen Lira gegenüber dem Dollar beschleunigte. Um die Krise mit Washington einzudämmen, entsandte Ankara am 7. August eine Delegation unter der Leitung des stellvertretenden türkischen Außenministers zu Verhandlungen mit seinem US-Amtskollegen, um die Krise um Pastor Brunson zu besprechen. Die Verhandlungen führten jedoch zu keinem Ergebnis. Kaum hatte die türkische Delegation am 9. August die Rückreise angetreten, goss Trump am Freitag, den 10. August, in einem Tweet auf seinem Account im sozialen Netzwerk Twitter Öl ins Feuer, indem er die Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der Türkei erhöhte – auf 20 % für Aluminium und 50 % für Stahl. Dies trieb die Lira erneut in die Tiefe, sodass sie im frühen Handel im asiatisch-pazifischen Raum einen neuen Tiefstand von 7,24 Lira pro Dollar erreichte. Die türkische Währung verlor seit Jahresbeginn etwa 40 % ihres Wertes; allein in der zweiten Augustwoche verlor sie 20 % gegenüber dem Dollar. (Trump fügte hinzu: „Ich habe soeben angeordnet, die Zölle auf Stahl und Aluminium zu verdoppeln...“ 10.08.2018 https://arabi21.com).
So scheint die Finanzkrise zwischen Amerika und der Türkei oberflächlich betrachtet das Ergebnis der Causa Pastor Brunson zu sein und dem Wunsch des US-Präsidenten zu entspringen, den fundamentalistischen christlichen Sektor seiner Wählerbasis nur wenige Monate vor den Zwischenwahlen zum Kongress zufriedenzustellen. In Wahrheit wird der Fall Pastor Brunson jedoch dazu benutzt, die tatsächlichen Gründe für den Zusammenbruch der türkischen Lira zu verschleiern. Es handelt sich um eine von den USA genährte politische Krise, um Europa zu treffen, wie wir noch erläutern werden. Die Anzeichen der Krise bestanden bereits vor dem Streit zwischen den Türken und den Amerikanern. Die türkische Regierung zog den Wahltermin von November 2019 auf Juni dieses Jahres vor, um einer Verschärfung der Krise zuvorzukommen, die das Wahlergebnis hätte beeinflussen können. Erdogan selbst gab dies zu, indem er sagte: „Dank der Vorverlegung des Wahltermins werden wir uns auf die Auswirkungen eines zerstörerischen Wirtschaftsbebens vorbereiten, andernfalls könnten wir diese Phase nicht ohne Verluste überstehen.“ (Turkish News Page, 20.04.2018). Das bedeutet, dass der Wertverfall der Lira bereits vor dem Thema des Pastors und vor der Zollerhöhung stattfand. Insbesondere da Brunson bereits seit 2016 inhaftiert ist, macht es keinen Sinn, dass Amerika ausgerechnet jetzt wegen Brunson zu Sanktionen gegen die Türkei greift, zumal bekannt ist, wie wenig sich die USA tatsächlich für Religion und Menschenrechte interessieren.
Die wahren Gründe hinter dem rasanten Verfall der türkischen Währung liegen in einer Reihe von Faktoren, von denen die wichtigsten sind:
a) Das enorme Ausmaß der Kreditaufnahme, insbesondere im Privatsektor, in den letzten zehn Jahren. Das türkische Finanzministerium gab im September 2017 bekannt, dass die Gesamtauslandsverschuldung der Türkei 438 Milliarden Dollar erreicht hat und dass geplant sei, etwa 11 Milliarden Dollar für den Schuldendienst der im Jahr 2018 fälligen 43 Milliarden Dollar zu zahlen. (Das türkische Finanzministerium erklärte am 31.10.2017: „Man plane, 10,92 Milliarden Dollar als Teil der fast 43,1 Milliarden Dollar für den Schuldendienst im Jahr 2018 zu zahlen... Die Inflationsraten erreichten zuletzt über 10 %“... Agentur Anadolu, 31.10.2017). So begannen die Alarmglocken laut zu schrillen, bis das türkische Schatzamt kürzlich bekannt gab: „Die Gesamtauslandsverschuldung der Türkei für das erste Quartal des Jahres zum 31.03.2018 beträgt 466,1 Milliarden Dollar“ (Anadolu, 29.06.2018). Hierbei muss angemerkt werden, dass ein bedeutender Teil dieser Schulden ursprünglich auf Regierungsprojekte zurückzuführen ist, deren Ausführung und Finanzierung jedoch vom Privatsektor übernommen wurde. Die Regierung von Präsident Erdogan versuchte in den letzten zehn Jahren, die Staatsschulden zu reduzieren, indem sie diese Projekte dem Privatsektor übertrug, der sich im Ausland verschuldet, um sie umzusetzen. Daher trägt der Privatsektor heute einen Teil dieser Schulden. Dies ist ein politischer Trick, damit die Regierung sich stets mit einer geringen Auslandsverschuldung des Staates brüsten kann.
b) Das Handelsdefizit zwischen Exporten und Importen stieg im Vergleich zum Vorjahr um 37,5 % auf 77,06 Milliarden Dollar im Jahr 2017, wie Daten des türkischen Zoll- und Handelsministeriums am 02.01.2018 zeigten. Diese Defizite werden in harten Währungen beglichen. Der Wert der türkischen Exporte belief sich auf 157,1 Milliarden Dollar, während die Importe 234 Milliarden + 156 Millionen US-Dollar für das Jahr 2017 betrugen (TRT, 02.01.2018). Hinzu kommt die offizielle Inflationsrate, die vom offiziellen türkischen Statistikamt am 03.08.2018 mit 15,85 % angegeben wurde (Anadolu, 03.08.2018). Dies ist der höchste Anstieg seit 2003, als Erdogans Partei an die Macht kam. Das Ziel der Zentralbank war es eigentlich, die Inflation auf 5 % zu senken, um europäische Standards zu erreichen. Dies scheiterte jedoch; man konnte diesen Wert nicht halten und blieb bei 8 % stehen, stieg aber im letzten Jahr schnell auf 10 % und erreichte heute fast 16 %.
c) Die Herabstufung der wirtschaftlichen Bewertung der Türkei durch Ratingagenturen übte Druck auf die Lira aus und schwächte das Vertrauen in sie und die türkische Wirtschaft. Die Ratingagentur Moody’s warnte am 14.04.2018 vor der Schwäche der türkischen Währung und der zunehmenden Verschuldung und erklärte: „Die chronische Schwäche der türkischen Währung wirkt sich negativ auf die Bewertung ihrer Staatsschulden aus und ist problematisch für die Wirtschaft.“ Sie verwies zudem auf „die geringen Fremdwährungsreserven der Türkei“ (Reuters, 14.04.2018). Diese Agentur stufte die Türkei am 13.03.2018 von Ba1 auf Ba2 herab. Erdogan reagierte verärgert: „Die Ratingagenturen sind damit beschäftigt, die Türkei in eine Sackgasse zu treiben, und die Finanzmärkte sollten dies nicht ernst nehmen“ (Turk Press, 13.03.2018). Es folgte die Agentur Standard & Poor’s, die am 02.05.2018 in einem unerwarteten Schritt die Bewertung der Türkei von BB auf BB- senkte. Die Agentur erklärte: „Die Herabstufung ist auf unsere Besorgnis über die sich verschlechternden Inflationsaussichten sowie den langfristigen Verfall und die Volatilität des Wechselkurses der türkischen Währung zurückzuführen“ (Reuters, 02.05.2018). Auch die Agentur Fitch schloss sich an und erklärte in ihrem Bericht: „Die Kreditwürdigkeit der Türkei wurde aufgrund steigender Inflation, des Leistungsbilanzdefizits und der Ungewissheit in der türkischen Wirtschaftspolitik von BB+ auf BB gesenkt“ (Turk Press, 14.07.2018). Es ist bekannt, dass diese Ratingagenturen eine Rolle bei der Beeinflussung der wirtschaftlichen Lage spielen, indem sie Wirtschaftsprobleme eines Landes entweder verschleiern – wie sie es jahrelang bei der Türkei taten – oder sie aufdecken und aufblähen, um politischen Zwecken zu dienen. Dies veranlasst die Gläubiger, bei der Kreditvergabe an die Türkei vorsichtig zu werden oder ihre Schulden zurückzufordern, was die Nachfrage nach harten Währungen zur Schuldentilgung erhöht und die Lira weiter fallen lässt.
Zweitens: Hier stellt sich zwangsläufig die Frage: Wenn die Lira-Krise schon länger besteht, warum wird sie dann in dieser Zeit durch die Pastor-Krise und die Zollerhöhungen so unter Druck gesetzt? Warum wird der Absturz der Lira so beschleunigt, als handele es sich um eine Spannung zwischen der Türkei und den USA, um die Lira zu treffen? Dies ist eine gefährliche Angelegenheit, die einer Kriegserklärung gleichkommt und zumindest den Abbruch der Beziehungen oder den Rückzug aus der NATO zur Folge haben müsste. Doch nichts dergleichen geschah! Was ist also die Wahrheit? Um diese zu klären, führen wir Folgendes an:
Die Trump-Administration hat stets eine Rhetorik des starken Dollars gegenüber den einflussreichen Weltwährungen, insbesondere dem Euro, verfolgt. Sie nutzte die niedrigen Zinsen in der Eurozone aus und erhöhte die eigenen Zinsen, um Kapital von Europa nach Amerika zu locken. Die USA erwarteten, dass dieser Geldtransfer den Euro gegenüber dem Dollar schwächen würde, doch das Ergebnis entsprach nicht ihren Wünschen. Der Euro stieg gegenüber dem Dollar weiter an, da die Europäische Zentralbank wirksame Pläne zur Straffung ihrer Geldpolitik und zur Reduzierung oder Einstellung von Anleihekaufprogrammen begann, was dazu führte, dass Kapital aus den USA nach Europa und Asien abfloss, um bessere Renditen zu erzielen. Als Trump damit scheiterte, versuchte er die Importe zu verringern und die Exporte zu steigern, um die Handelsbilanz zu seinen Gunsten zu korrigieren und den Dollar zu stärken. Er begann Zölle auf bestimmte Importgüter zu erheben. (Dazu erklärte der US-Handelsminister Wilbur Ross am Donnerstag, den 31. Mai 2018, dass sein Land am nächsten Tag hohe Zölle auf Stahl und Aluminium aus der EU, China, Mexiko und Kanada verhängen werde... 31.05.2018 www.dw.com).
All diese Maßnahmen verhalfen Trump jedoch nicht dazu, den Dollar gegenüber dem Euro zu stärken. Es scheint, dass er sein Ziel darin fand, den Verfall der türkischen Lira durch zusätzlichen Druck zu forcieren, um so den Finanzmarkt in Europa in Panik zu versetzen. Grund dafür sind die intensiven Finanzbeziehungen zwischen Europa und der Türkei. Die Mehrheit der Investitionen in der Türkei stammt aus Europa und stieg 2017 um 42 %. Das größte Handelsvolumen der Türkei besteht mit Europa; es belief sich 2017 auf 160 Milliarden Dollar zugunsten Letzterer. Beide Seiten begannen mit der Aktualisierung der Zollunionsvereinbarung von 1995 mit dem Ziel, den Handel innerhalb von anderthalb Jahren auf 200 Milliarden Dollar und innerhalb von fünf Jahren auf 500 Milliarden Dollar zu steigern, wie der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci ankündigte (Asharq al-Awsat, 29.09.2017). Im Gegensatz dazu beträgt das Handelsvolumen zwischen der Türkei und den USA lediglich 18,7 Milliarden Dollar. Daher wird jede Erschütterung der türkischen Wirtschaft und damit der Lira starke Panik in der europäischen Wirtschaft auslösen. Diese finanzielle Panik wird, wie Trump erwartet, dem Euro einen fast tödlichen Schlag versetzen.
Der europäische Markt wurde tatsächlich durch den Verfall der türkischen Lira beeinträchtigt:
a) Die Europäische Zentralbank ist zunehmend besorgt über die Risiken für Banken der Eurozone in der Türkei, insbesondere für die französische BNP Paribas, die spanische BBVA und die italienische UniCredit. Diese drei Banken haben große Operationen in der Türkei, und ihre Aktien fielen um etwa 3 %. Europa wird nun von den Geschehnissen in der Türkei beeinflusst, aufgrund seiner dortigen Investitionen, der türkischen Schulden bei ihnen und des Handelsvolumens zwischen beiden Seiten.
b) Laut den neuesten Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich belaufen sich die Forderungen europäischer Banken gegenüber der Türkei auf 224 Milliarden Dollar (etwa 200 Milliarden Euro), wobei die spanischen Banken am stärksten betroffen sind. Diese Banken fürchten die Auswirkungen einer Krise in der Türkei, und die Aktien einiger dieser Banken begannen mit dem Zusammenbruch der Lira um 10 bis 20 % zu fallen (Sky News, 31.05.2018).
c) Ein weiterer besorgniserregender Aspekt der türkischen Schulden ist die Unfähigkeit zum Schuldendienst. Türkische Investoren schulden spanischen Banken 82,3 Milliarden Dollar, französischen Banken 38,4 Milliarden Dollar und italienischen Banken 17 Milliarden Dollar in einer Mischung aus lokalen und ausländischen Währungen. Hieraus resultieren die Warnsignale in Europa. Die Banken BBVA, UniCredit und BNP Paribas verloren an Börsenwert: https://www.ft.com/content/51311230-9be7-11e8-9702-5946bae86e6d. Der Verfall der Lira schürt zudem die Sorge vor einem Zahlungsausfall der Türkei, was weitreichende Folgen für Europa hätte.
d) Berichte deuteten darauf hin, dass große türkische Unternehmen, die mit mehr als 220 Milliarden Dollar verschuldet sind, nach dem Verfall der Lira bei der Regierung Gläubigerschutz beantragt haben. Darunter befindet sich die Dogus-Gruppe des Milliardärs Ferit Sahenk, der die Banken um eine Umstrukturierung von Milliardenschulden in Fremdwährungen bat. Schätzungen zufolge beläuft sich der Gesamtbetrag der zur Umstrukturierung angefragten Schulden auf etwa 20 Milliarden Dollar.
e) Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag gab bekannt, dass etwa 6.500 deutsche Unternehmen in der Türkei von der Unsicherheit in der türkischen Wirtschaft betroffen sind, und wies darauf hin, dass deutsche Unternehmen davon absehen, neue Investitionen auf dem türkischen Markt zu tätigen. (13.08.2018 www.lebanon24.com).
Drittens: Somit war die Fokussierung auf die Lira-Krise mit diesem rasanten Verfall infolge der US-Maßnahmen dazu gedacht, eine starke Erschütterung in der europäischen Wirtschaft herbeizuführen und damit den Euro zu treffen und ihn gegenüber dem Dollar zu schwächen. Obwohl die US-Maßnahmen durch den Druck auf die Lira das Leben der Menschen in der Türkei beeinträchtigen, ist dies Trump völlig gleichgültig. Während man Trumps Arroganz, jede Währung zu treffen, die mit dem Dollar konkurriert – gemäß der ihm im Blut liegenden Cowboy-Mentalität – nachvollziehen kann, ist es befremdlich, dass Erdogan dies nicht erkennt. Er zeigt sich überrascht von Trumps Handeln und wundert sich, wie Trump dies seinem Verbündeten wegen eines Pastors antun kann. Vor einer Menge in der Stadt Ünye am Schwarzen Meer sagte er: „Es ist ein Fehler, zu versuchen, die Türkei durch Drohungen wegen eines Pastors zu unterwerfen.“ Er fügte hinzu: „Ich wende mich erneut an jene in Amerika: Schande über euch. Ihr tauscht euren strategischen Partner in der NATO gegen einen Pastor ein.“ (Quelle: Al-Anbaa, Sonntag, 12.08.2018). Zudem wandte er sich flehentlich und traurig an Trump und betonte, dass die Türkei Amerika viele Dienste erwiesen und in seinem Namen gekämpft habe. In einem Artikel unter dem Titel „Wie er die Krise mit den Vereinigten Staaten sieht“, der am 11.08.2018 in der New York Times veröffentlicht wurde, schrieb Erdogan: „Die Türkei und Amerika sind seit 60 Jahren strategische Partner und Verbündete in der NATO und haben gemeinsam Schwierigkeiten im Kalten Krieg und danach gemeistert... Die Türkei ist den Vereinigten Staaten über Jahre hinweg jederzeit zu Hilfe geeilt... Unsere Truppen kämpften mit ihnen in Korea... In der dunkelsten Zeit der Raketenkrise mit Kuba trugen wir zur Beruhigung bei, indem wir den USA erlaubten, Jupiter-Raketen auf unserem Territorium zu stationieren. Die Türkei entsandte ihre Truppen nach Afghanistan zum Erfolg der NATO-Mission, als Amerika auf seine Freunde und Verbündeten wartete, um auf diejenigen zu reagieren, die die Terroranschläge vom 11. September verübt hatten.“ So zeigt Erdogan seine Loyalität gegenüber Amerika, dem Feind des Islams und der Muslime, doch Amerika belohnt ihn mit Missachtung!
Viertens: Was das Schicksal dieser Krise zwischen Amerika und der Türkei sowie das Problem der türkischen Lira betrifft, so erwarten wir Folgendes:
Da der Zweck des US-Drucks auf die Lira darin bestand, Panik in Europa auszulösen, um die europäische Wirtschaft zu destabilisieren und den Euro zu schwächen, und da dies tatsächlich zu einem Wertverfall des Euros gegenüber dem Dollar geführt hat: (... Der Euro litt am Freitag stark, nachdem die Financial Times berichtete, dass die Europäische Zentralbank wegen der Risiken für spanische, italienische und französische Banken in der Türkei besorgt sei. Heute berührte der Euro 1,13655 Dollar, den niedrigsten Stand gegenüber der US-Währung seit Juli 2017, also seit mehr als einem Jahr... Quelle: Reuters, Montag, 13.08.2018). Wenn Trump also den Euro in einer Weise getroffen hat, die seine Arroganz befriedigt, könnte er die Unterstützung der Lira wieder zulassen, indem er die Bewertungen der Ratingagenturen umkehrt, so wie er es bei Erdogans Amtsantritt 2003 tat. Damals war die Lira schwach und die Wirtschaft unter Ecevit zerrüttet, woraufhin er durch fortlaufende Kredite unter dem Einfluss der USA und ihrer Verbündeten eine Wirtschaftsblase schuf und das Rating der Türkei anhob. So wurde für eine wachsende Wirtschaft in der Türkei geworben, obwohl sie auf Riba-basierten Krediten und Schulden gründete!
Was die Auswirkungen der Zölle betrifft, so sind sie nicht von großer Bedeutung. Die türkischen Stahlexporte in die USA belaufen sich auf etwas mehr als eine Milliarde Dollar (Youm7, 02.08.2018). Dies ist nicht entscheidend für ein Land, dessen Exporte 2017 mehr als 157 Milliarden Dollar betrugen (Bawaba Al-Sharq, 02.01.2018). Es scheint, als sei die Absicht gewesen, eine Atmosphäre der Instabilität in der türkischen Wirtschaft und düstere Aussichten für die Lira zu schaffen, was in der europäischen Wirtschaft und damit beim Euro ein Echo auslösen sollte, was tatsächlich geschah.
Was den Pastor betrifft, so ist er seit etwa zwei Jahren inhaftiert, und die Dinge zwischen der Türkei und den USA waren ruhig. Nun hob Trump ihn aus wahlpolitischen Gründen hervor und um eine Atmosphäre der Spannung zu schaffen, die die Finanzmärkte beeinflusst. Er ist ein Hilfsmittel in diesem Aufruhr, kein Hauptgrund. Wenn Trump mit dem Erreichten gegenüber dem Euro zufrieden ist – was voraussichtlich nicht lange dauern wird – wird der Pastor an die USA übergeben, wobei Erdogans Gesicht gewahrt wird oder auch nicht!
Das Leiden des türkischen Volkes infolge des Lira-Zusammenbruchs, der steigenden Preise und der Erschwerung des Lebens kümmert weder Trump noch diejenigen, die in seinem Orbit kreisen, noch die Agenten. Vielleicht erkennen diese Gefolgsleute und Anhänger, dass sie für ihre Herren kein Gewicht und keinen Wert haben, wenn deren Interessen es erfordern, mit ihnen zu machen, was sie wollen, selbst wenn dies die Demütigung dieser Anhänger bedeutet. Wer sich selbst erniedrigt, für den ist Schmach leicht zu ertragen.
Zusammenfassend lässt sich sagen:
Die von Trump inszenierte Krise durch Zölle, das Thema des Pastors, die Herabstufung durch Ratingagenturen und die Offenlegung der türkischen Schulden dient dazu, Panik in Europa auszulösen, um die europäische Wirtschaft zu destabilisieren und den Euro zu schwächen. Dies ist auf die intensiven Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und der Türkei zurückzuführen und hat bereits zu einem Wertverfall des Euros gegenüber dem Dollar geführt.
Da Erdogan im Orbit der USA kreist, ist nicht zu erwarten, dass die Krise lange anhält. Wenn Trump mit dem Rückgang des Euros zufrieden ist, auch wenn es kein tödlicher Schlag war, wie er vielleicht hoffte – und das scheint nicht fernliegend –, dann wird er die Krise so beenden, wie er sie begonnen hat, mit oder ohne Wahrung von Erdogans Gesicht. Dann wird der Pastor freigelassen, die Zölle werden aufgehoben oder gesenkt, und die Ratingagenturen werden die Einstufung der Türkei nach einer Umschuldung durch neue Kredite korrigieren. Der Kurs der Lira wird sich verbessern, selbst wenn er nicht das Niveau von vor der Krise erreicht, und Trump und Erdogan werden wieder freundliche Gespräche führen, als wäre nichts gewesen! So geht es immer weiter: Wenn die Interessen ihrer Herren deren Demütigung erfordern, tun sie es; wenn es ihre Absetzung erfordert, geschieht auch das. Ähnliches geschah bereits mit ihren Gleichgesinnten zuvor. Besinnen sie sich nicht?
إِنَّ فِي ذَلِكَ لَذِكْرَى لِمَنْ كَانَ لَهُ قَلْبٌ أَوْ أَلْقَى السَّمْعَ وَهُوَ شَهِيدٌ
„Gewiss, darin liegt eine Ermahnung für jemanden, der Herz hat oder hinhört und Zeuge ist.“ (Sure Qaf [50]: 37)
- Dhu l-Hidscha 1439 n. H. 23.08.2018 n. Chr.