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Fragen & Antworten

Antwort auf eine Frage: Über al-Qaḍā’ wal-Qadar

July 23, 2015
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(Serie der Antworten des ehrwürdigen Gelehrten Ata Bin Khalil Abu al-Rashtah, Emir von Hizb ut-Tahrir, auf die Fragen der Besucher seiner Facebook-Seite „Fiqhi“)

Antwort auf eine Frage über al-Qaḍā’ wal-Qadar

An Ahmad Nadhif

Frage:

As-salāmu ʿalaikum wa raḥmatullāhi wa barakātuh. Im Buch At-Taysīr fī Uṣūl at-Tafsīr heißt es auf S. 44: „... oder durch Überlieferung (naqlan), d. h. auf dem Weg der zweifelsfreien Überlieferung von Allah, dem Gepriesenen, in Seinem Edlen Buch oder von Seinem Gesandten ﷺ in seinem mutawātir-Hadith, wie der Glaube an das Verborgene (al-muġayyabāt), die Engel, die früher herabgesandten Bücher, die früheren Propheten, den Jüngsten Tag und das al-Qadar (die Vorherbestimmung), sowohl das Gute als auch das Böse davon. Der Gepriesene sagt in der Sure An-Nisā’ Vers 136:

يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا آمِنُوا بِاللَّهِ وَرَسُولِهِ وَالْكِتَابِ الَّذِي نَزَّلَ عَلَى رَسُولِهِ وَالْكِتَابِ الَّذِي أَنْزَلَ مِنْ قَبْلُ وَمَنْ يَكْفُرْ بِاللَّهِ وَمَلَائِكَتِهِ وَكُتُبِهِ وَرُسُلِهِ وَالْيَوْمِ الْآخِرِ فَقَدْ ضَلَّ ضَلَالًا بَعِيدًا

'O die ihr glaubt, glaubt an Allah und Seinen Gesandten und an das Buch, das Er Seinem Gesandten offenbart hat, und an die Schrift, die Er zuvor herabgesandt hat. Und wer an Allah, Seine Engel, Seine Schriften, Seine Gesandten und den Jüngsten Tag nicht glaubt, der ist wahrlich weit abgeirrt.' (QS. An-Nisā’ [4]: 136)

Und der Friede und Segen Allahs seien auf ihm, sagte als Antwort auf die Frage Gabriels (a.s.) über den Iman im Hadith: ‚Dass du an Allah glaubst, an Seine Engel, an Seine Bücher, an Seine Gesandten, an den Jüngsten Tag und an das al-Qadar, sowohl an das Gute als auch an das Böse davon, dass es von Allah, dem Erhabenen, ist‘“. Ende des Zitats. Ich habe eine Frage und bitte um Klärung: Wenn der erwähnte Hadith mutawātir ist, sodass darauf der Glaube an al-Qadar aufgebaut wurde, warum wurde er dann nicht im Buch As-Schachsiyya al-Islāmiyya, Band 1, erwähnt, als die islamische Aqidah untersucht wurde? Vielmehr sagt der Autor des Buches (möge Allah seiner erbarmen), dass der Glaube an al-Qaḍā’ wal-Qadar auf dem rationalen Beweis (al-dalīl al-ʿaqlī) basiert.

Möge Allah dich mit dem Besten belohnen. Wa salāmu ʿalaikum wa raḥmatullāhi wa barakātuh.

Antwort:

Wa ʿalaikum as-salām wa raḥmatullāhi wa barakātuh.

Bevor ich mit der Antwort beginne, möchte ich dich auf zwei Dinge aufmerksam machen, bei denen du anscheinend einer Verwechslung unterliegst. Diese beiden Dinge sind „al-Qadar“, wie es in den Versen und Hadithen vorkommt, und der Fachbegriff „al-Qaḍā’ wal-Qadar“. Es handelt sich um zwei verschiedene Themen und nicht um ein einziges. Das Thema al-Qaḍā’ wal-Qadar, das du im Buch An-Niẓām oder As-Schachsiyya gelesen hast, unterscheidet sich von dem Begriff al-Qadar, der in dem Hadith vorkommt, nach dem du fragst.

Hier ist nun die Antwort auf deine Frage:

1- Was in der Überlieferung von Muslim über die Aussage des Propheten ﷺ als Antwort auf die Frage Gabriels (a.s.) über den Iman steht: „Er sagte: ‚Dass du an Allah glaubst, an Seine Engel, an Seine Bücher, an Seine Gesandten, an den Jüngsten Tag und dass du an al-Qadar glaubst, sowohl an das Gute als auch an das Böse davon‘“, ist kein mutawātir-Hadith, sondern eine authentische Einzelüberlieferung (ḫabar āḥād ṣaḥīḥ). Dennoch ist die Beweisführung damit an der Stelle, die du in deiner Frage aus dem Buch At-Taysīr fī Uṣūl at-Tafsīr zitiert hast, eine korrekte Beweisführung. Denn er wurde als Beweis für das herangezogen, zu dem der Glaube gefordert wurde, und nicht als Beweis für das Thema, an das zu glauben gefordert wurde. Die Aufforderung zum Glauben an den Islam erfolgt durch den Koranvers und den Hadith des Gesandten Allahs ﷺ, ja sogar durch einen Brief, den er ﷺ verschickte. So sandte der Gesandte ﷺ Briefe mit Boten an Könige und rief sie zum Islam auf...

2- Wenn es jedoch darum geht, den Beweis dafür zu erbringen, dass al-Qadar zur Aqidah gehört und wer es leugnet, ein Ungläubiger (kāfir) ist, und wenn bewiesen werden soll, dass es das Wissen Allahs ist und dass alles seit der Ewigkeit in der wohlbewahrten Tafel (al-Lauḥ al-Maḥfūẓ) niedergeschrieben ist, dann greift man auf definitive Beweise (al-adilla al-qaṭʿiyya) zurück. So werden die definitiven Verse über al-Qadar im Sinne der Vorherbestimmung in der Ewigkeit angeführt, das heißt, dass es nichts auf der Erde oder im Himmel gibt, außer dass Allah es seit der Ewigkeit weiß, es seit der Ewigkeit bestimmt hat und es seit der Ewigkeit in der wohlbewahrten Tafel geschrieben steht... Zu diesen definitiven Versen gehören:

Die Aussage des Erhabenen:

إِلَّا امْرَأَتَهُ قَدَّرْنَا إِنَّهَا لَمِنَ الْغَابِرِينَ

„Außer seiner Frau; Wir haben bestimmt, dass sie gewiss zu denen gehören soll, die zurückbleiben.“ (QS. Al-Ḥiǧr [15]: 60)

Das Wort „bestimmt“ (qaddarnā) in diesem Vers bedeutet die Vorherbestimmung in der Ewigkeit. Ebenso die Aussage des Erhabenen:

وَمَنْ يَتَوَكَّلْ عَلَى اللَّهِ فَهُوَ حَسْبُهُ إِنَّ اللَّهَ بَالِغُ أَمْرِهِ قَدْ جَعَلَ اللَّهُ لِكُلِّ شَيْءٍ قَدْرًا

„... Und wer auf Allah vertraut, dem ist Er Genüge. Allah führt Seine Angelegenheit gewiss zum Ziel. Allah hat für alles ein Maß festgelegt.“ (QS. Aṭ-Ṭalāq [65]: 3)

Die Bedeutung von „für alles ein Maß (qadran)“ ist: für alles eine Bestimmung und eine Zeitfestlegung, gemeint ist die Bestimmung in der Ewigkeit. Und die Aussage des Gepriesenen und Erhabenen:

قُلْ لَنْ يُصِيبَنَا إِلَّا مَا كَتَبَ اللَّهُ لَنَا هُوَ مَوْلَانَا وَعَلَى اللَّهِ فَلْيَتَوَكَّلِ الْمُؤْمِنُونَ

„Sprich: Nichts wird uns treffen, außer was Allah für uns vorgeschrieben hat. Er ist unser Schutzherr, und auf Allah sollen die Gläubigen vertrauen.“ (QS. At-Tauba [9]: 51)

Die Bedeutung ist, dass uns nichts treffen wird, außer dem, was Allah für uns in der Ewigkeit niedergeschrieben und uns vorherbestimmt hat, und wir vertrauen auf Allah. Und die Aussage des Erhabenen:

وَمَا مِنْ دَابَّةٍ فِي الْأَرْضِ وَلَا طَائِرٍ يَطِيرُ بِجَنَاحَيْهِ إِلَّا أُمَمٌ أَمْثَالُكُمْ مَا فَرَّطْنَا فِي الْكِتَابِ مِنْ شَيْءٍ

„Es gibt kein Tier auf der Erde und keinen Vogel, der mit seinen beiden Flügeln fliegt, außer Gemeinschaften gleich euch. Wir haben in der Schrift nichts ausgelassen.“ (QS. Al-Anʿām [6]: 38)

Das bedeutet: außer Gemeinschaften gleich euch, deren Lebensunterhalt, Lebensfristen und Taten niedergeschrieben sind, so wie euer Lebensunterhalt, eure Lebensfristen und Taten niedergeschrieben wurden. Wir haben in der wohlbewahrten Tafel nichts ausgelassen oder vernachlässigt. Der Begriff „die Schrift“ wurde hier für die wohlbewahrte Tafel verwendet, d. h. alles ist in der wohlbewahrten Tafel niedergeschrieben. Dies ist eine Metapher für das Wissen Allahs, d. h. es gibt nichts, außer dass Allah es weiß. Und die Aussage des Erhabenen:

عَالِمِ الْغَيْبِ لَا يَعْزُبُ عَنْهُ مِثْقَالُ ذَرَّةٍ فِي السَّمَاوَاتِ وَلَا فِي الْأَرْضِ وَلَا أَصْغَرُ مِنْ ذَلِكَ وَلَا أَكْبَرُ إِلَّا فِي كِتَابٍ مُبِينٍ

„... dem Kenner des Verborgenen. Ihm entgeht nicht das Gewicht eines Stäubchens in den Himmeln und auch nicht auf der Erde, und auch nichts Kleineres als dies und nichts Größeres, außer dass es in einem deutlichen Buch steht.“ (QS. Saba’ [34]: 3)

Das heißt, außer dass es in der wohlbewahrten Tafel niedergeschrieben ist, was eine Metapher für Sein Wissen (der Gepriesene ist Er) ist, wie der Vers selbst belegt.

3- Es ist erwähnenswert, dass al-Qadar in diesem Sinne – d. h. die Vorherbestimmung in der Ewigkeit oder die Niederschrift in der wohlbewahrten Tafel oder das Wissen Allahs, des Gepriesenen, dass diese oder jene Angelegenheit geschehen wird – nicht bedeutet, sich auf das Wissen Allahs über das Eintreten der Tat zu verlassen (ittikāl) und die Mittel zu ihrer Durchführung nicht zu ergreifen oder Ursache und Wirkung außer Acht zu lassen. Denn das Wissen Allahs ist niemandem enthüllt worden, sodass man wüsste, ob etwas geschehen wird oder nicht. Daher kann man nicht wissen, ob eine Sache geschehen wird oder nicht, außer nachdem man die Mittel zu ihrer Durchführung ergriffen und sie begonnen hat. Erst danach offenbart sich die Realität hinsichtlich der Existenz oder Nichtexistenz der Tat. Aus diesem Grund ist es nicht zulässig, dass sich jemand auf das Wissen Allahs verlässt und die Tat unterlässt. Dies war für die Gefährten (r.a.) problematisch, woraufhin der Gesandte ﷺ sie darauf hinwies, sich nicht bloß darauf zu verlassen, und ihnen befahl zu arbeiten. Al-Bukhari überlieferte von ʿAlī (k.A.w.):

فَقَالَ رَجُلٌ مِنْ الْقَوْمِ: أَلاَ نَتَّكِلُ يَا رَسُولَ اللَّهِ؟ قَالَ: لاَ، اعْمَلُوا فَكُلٌّ مُيَسَّرٌ، ثُمَّ قَرَأَ: فَأَمَّا مَنْ أَعْطَى وَاتَّقَى الآيَةَ

„Da sagte ein Mann aus dem Volk: ‚Sollen wir uns dann nicht einfach darauf verlassen, o Gesandter Allahs?‘ Er antwortete: ‚Nein, arbeitet (handelt), denn jedem wird das erleichtert, (wozu er geschaffen wurde).‘ Dann rezitierte er: ‚Was nun denjenigen angeht, der gibt und gottesfürchtig ist...‘ (bis zum Ende des Verses).“

Dies ist ein klarer Beleg dafür, dass der Glaube an al-Qadar kein bloßes Sich-Verlassen (ittikāl) bedeutet. Denn al-Qadar und die Niederschrift, also das Wissen Allahs, ist keinem der Geschöpfe enthüllt. Worauf also sollte man sich verlassen?

Deshalb sagte der Gesandte ﷺ zu demjenigen, der ihn fragte: „Sollen wir uns nicht einfach darauf verlassen?“: „Nein“. Er verbot ihm also das bloße Sich-Verlassen und begnügte sich nicht damit, sondern sagte ihm auch: „Arbeitet (handelt)“, d. h., er befahl ihm die Tat. Daher bedeutet der Glaube an al-Qadar nicht das Unterlassen der Tat.

Ich hoffe, dass die Antwort auf deine Frage über al-Qadar nun klar geworden ist.

Euer Bruder Ata Bin Khalil Abu al-Rashtah

Link zur Antwort auf der Facebook-Seite des Emirs: https://web.facebook.com/AmeerhtAtabinKhalil/photos/a.122855544578192.1073741828.122848424578904/387383948125349/?type=3

Link zur Antwort auf der Webseite des Emirs: http://archive.hizb-ut-tahrir.info/arabic/index.php/HTAmeer/QAsingle/3623/

Link zur Antwort auf der Google-Plus-Seite des Emirs: https://plus.google.com/b/100431756357007517653/100431756357007517653/posts/cf8xRPpXXNV

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