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Beantwortung einer Frage: Die Aufhebung des Konzepts der Geistlichkeit (Klerus)

June 21, 2004
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Beantwortung einer Frage

Die Aufhebung des Konzepts der Geistlichkeit (Klerus)

Frage: Was ist mit dem Satz gemeint, der am Ende von Artikel (10) steht: „... und der Staat muss alles verhindern, was auf ihre Existenz [der Geistlichen] unter den Muslimen hindeutet“? Bedeutet dies, dass eine Entscheidung erlassen wird, die es den Scheichs und Imamen der Moscheen verbietet, ihre offizielle Kleidung (den Tarbousch, den Turban und die Dschubba) zu tragen?

Antwort: Dem ist nicht so. Was der Staat beseitigen wird, ist das Konzept des „Klerus“ (der Geistlichkeit), wie es bei den Christen existiert. Bei ihnen gibt es eine spezielle Kleidung (für Geistliche), die es ihnen ermöglicht, sich exklusiv mit dem Erlauben und Verbieten (at-tahlil wa-at-tahrim) zu befassen, im Gegensatz zu anderen. Nach der Entstehung des Kapitalismus tauchte ein damit verbundenes Konzept auf: dass die geistliche Autorität auf die „Geistlichen“ mit ihrer speziellen, auf sie beschränkten Kleidung begrenzt ist, während die weltliche Autorität bei den Säkularisten (den Staatsmännern) liegt. Nach dem kapitalistischen Prinzip darf ein Mann der Regierung bei ihnen keine Kleidung der „Geistlichen“ tragen; das heißt, es gibt eine mit dem Kapitalismus verbundene Trennung von Religion und Staat.

Wir im Islam haben keine Männer, die exklusiv auf die Interpretation der Religion sowie auf das Erlauben und Verbieten spezialisiert sind. Ebenso gibt es bei uns keine Trennung von Religion und Staat, also weder eine rein geistliche noch eine rein weltliche Autorität. Dieses Konzept und alles, was darauf hindeutet, muss aufgehoben werden.

Was die Beschränkung des Erlaubens und Verbietens auf bestimmte Männer mit einer speziellen Kleidung betrifft, so existiert dieses Konzept bei der Mehrheit der Muslime nicht. Die Aktivitäten, die die Partei (Hizb) in dieser Hinsicht unternommen hat, haben bereits Früchte getragen; viele Menschen wenden sich nicht mehr an diese Scheichs mit offizieller Kleidung, um ein Rechtsurteil (Hukm) zu erhalten, da sie ihnen nicht vertrauen.

Auch die Beschränkung „geistlicher“ Angelegenheiten auf die Träger offizieller „religiöser“ Kleidung ist bei den Muslimen fast verschwunden. Die Muslime von heute wenden sich den Scheichs zu, die über Regierungsführung und Politik sprechen, und sie schätzen und respektieren sie. Was jedoch jene Scheichs betrifft, die sich nur auf Gottesdienste (Ibadat) konzentrieren und sich nicht in die Rechenschaftspflicht der Herrscher einmischen, so blicken die Menschen ohne Wertschätzung und Respekt auf sie herab.

Dennoch kann die Exklusivität der Scheichs und Imame in Bezug auf diese Kleidung bei einfachen Menschen Verwirrung stiften. Sie könnten glauben, dass es Männer gibt, die speziell für die Religion im Sinne des Gottesdienstes und Ähnlichem zuständig sind und dass diese nichts mit der Politik zu tun haben, während es für diese Aufgaben Staatsmänner gebe.

Daher wird der Staat daran arbeiten, das Erscheinungsbild einer speziellen Kleidung für Scheichs und Imame zu beseitigen. Dies geschieht jedoch nicht dadurch, dass ihnen das Tragen dieser Kleidung verboten wird, sondern indem die Exklusivität der Kleidung aufgehoben wird. Zum Beispiel könnten die Menschen sehen, wie jemand, der die Wasser- und Stromrechnungen einsammelt, in einer Dschubba und einem Turban kommt. Oder sie sehen den Kalifen und den Gouverneur (Wali) mit einem Turban, wie es in der Frühzeit des Islam war, während sie einen Imam der Moschee in ganz gewöhnlicher Kleidung sehen. Das bedeutet die Aufhebung der Exklusivität der Kleidung.

Dies erfordert keine formelle Entscheidung, sondern kann durch geeignete Methoden erreicht werden. Wenn man beispielsweise eine Baugenehmigung einholen möchte und feststellt, dass der Ingenieur, der zur Besichtigung mitkommt, einen Turban trägt, während der Standesbeamte, der den Ehevertrag schließt, einen Iqal und eine Hatta trägt. So gäbe es keine Kleidung mehr, die speziell einem Herrscher oder einem Scheich vorbehalten ist. Dies ist im Islam akzeptabel und vernünftig; es ist sogar das, worauf die Muslime früher waren. Der Kalif pflegte die Menschen im Gebet zu führen, und kein Muslim konnte den Herrscher vom Richter oder vom gewöhnlichen Mann anhand ihrer Kleidung unterscheiden. Ein Mann, der zu den Muslimen kam, die mit dem Gesandten Allahs (s) zusammensitzten, fragte sie:

مَنْ مِنْكُمُ رَسُولُ اللَّهِ؟

„Wer von euch ist der Gesandte Allahs?“

Dementsprechend wird der Staat keine Entscheidung zum Verbot der Kleidung der Scheichs erlassen, sondern er wird das dahinterstehende Konzept beseitigen. Er wird dafür sorgen, dass diese Kleidung nicht mehr exklusiv für einen bestimmten Beruf in einem Sinne steht, der dem Islam widerspricht. Ebenso wird er mit jeder Kleidung verfahren, die das Gefühl vermittelt, es gäbe Männer, die speziell für die „Religion“ zuständig sind, und andere Männer, die speziell für den Staat zuständig sind. Jeder Bürger trägt die erlaubte Kleidung, die er möchte, ohne dass eine bestimmte Kleidung für einen „Religionsspezialisten“ monopolisiert wird, an den sich die Menschen nur für „geistliche“ Fragen wenden, während sie sich für politische Fragen an andere wenden. Vielmehr tragen alle Muslime die Verantwortung für den Islam in all seinen Bereichen, und jeder, der eine Angelegenheit weiß, ist in diesem Bereich ein Gelehrter – egal, ob er einen Turban trägt oder barhäuptig ist.

  1. Dschumada al-Ula 1425 n. H. 21.06.2004 n. Chr.

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