Frage:
Obwohl erst wenig Zeit vergangen ist, hoffe ich auf eine Klärung – zumindest in groben Zügen – dessen, was sich in der Türkei im Hinblick auf den Putschversuch ereignet hat: Wer steckt dahinter? Ist es wirklich die Gülen-Bewegung? Oder sind es die pro-britischen Offiziere in der Armee? Und was ist für die Zukunft zu erwarten? Möge Allah dich mit Gutem belohnen.
Antwort:
Nach Beobachtung und reiflicher Überlegung der Ereignisse in der Türkei am 15. und 16.07.2016 ist es am wahrscheinlichsten, dass diejenigen, die den Putschversuch unternahmen, abenteuerlustige, pro-britische Offiziere waren, die sich in Gefahr befanden. Dies stützt sich auf folgende Fakten:
- Dass sie sich in Gefahr befanden, liegt daran, dass der Oberste Militärrat der Türkei (Yüksek Askerî Şûra – YAŞ) üblicherweise Ende Juli oder Anfang August einmal im Jahr zusammenkommt. Die Befugnisse dieses Rates sind weitreichend und von großer Bedeutung für die Armee. Er tagt unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten im Hauptquartier des Generalstabs in Ankara. An ihm nehmen der Verteidigungsminister, der Generalstabschef, die Befehlshaber der Land-, Luft- und Seestreitkräfte, der Kommandeur der Gendarmerie sowie der zweite stellvertretende Generalstabschef teil. Die Mitglieder des Rates sind hochrangige Militärführer. In dieser regelmäßigen Sitzung werden Beförderungen hoher Offiziere, die Verlängerung von Dienstzeiten, Angelegenheiten bezüglich des Ruhestands sowie Entlassungen aufgrund von Disziplinarverstößen oder moralischen Verfehlungen besprochen, neben weiteren Themen der Streitkräfte. Die Sitzung dauert mehrere Tage an, und die Beschlüsse werden nach Vorlage beim Staatspräsidenten verkündet. Üblicherweise endet mit dieser Sitzung die Dienstzeit einer Reihe von Armeebefehlshabern und anderen hohen Dienstgraden. So gehörte beispielsweise bei der Sitzung am 02.08.2015 der damalige Luftwaffenchef Akın Öztürk zu jenen, deren Dienstzeit endete. Berichten zufolge stand er nun an der Spitze des aktuellen Putschversuchs, zusammen mit anderen Kommandeuren.
Es scheint, dass die Offiziere, die den Versuch unternahmen, wussten (oder ihnen Informationen zugespielt wurden), dass bei der kommenden Sitzung des Militärrates Maßnahmen gegen sie ergriffen würden, die ihren Verbleib im aktiven Dienst gefährden könnten. So unternahmen sie diesen Versuch als Präventivschlag vor dem Zusammentreten des Rates.
- Was den Punkt betrifft, dass es sich um abenteuerlustige, pro-britische Offiziere handelt: Es ist bekannt, dass die Männer der Briten den Kern der Armee bildeten. Amerika versuchte seit der Präsidentschaft Özals, die Armee zu unterwandern, was jedoch misslang. Daraufhin konzentrierte sich Amerika auf die Polizei und die innere Sicherheit. Unter Erdoğan wurde die Unterwanderung der Armee erneut forciert und war bis zu einem gewissen Grad erfolgreich. Dennoch existieren die pro-britischen Kräfte weiterhin. Obwohl Erdoğan ihre Flügel beschnitten hat, konnte er sie nicht gänzlich eliminieren. Zu ihnen gehörten jene Offiziere, die den Putschversuch unternahmen.
Dass sie als „Abenteurer“ bezeichnet werden, liegt daran, dass die Planung des Versuchs nicht darauf hindeutet, dass die Briten selbst den Plan entworfen haben. Vielmehr ist es wahrscheinlicher, dass die Offiziere den Plan erstellten und die Briten ihnen freie Hand ließen. Bei genauerer Betrachtung des Plans zeigt sich, dass ihm die typische britische List und Raffinesse fehlt. Beispielsweise konzentrierten sich die Putschisten in ihrer Erklärung auf den Säkularismus (Laisismus). Dies war töricht, da islamische Gefühle derzeit unter vielen Türken weit verbreitet sind. Die Erwähnung des Säkularismus wirkte provozierend und erinnerte sie an die Herrschaft Mustafa Kemals und seiner Anhänger, an deren feindselige Haltung gegenüber dem Islam und den Muslimen. Diese Erwähnung trieb die Menschen aus Abscheu vor den Anhängern Mustafa Kemals auf die Straße, mehr noch als aus Liebe zu Erdoğan. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Putschisten die Verhaftung der Politiker und Machthaber – also des Präsidenten und der Regierung – in den ersten Minuten nicht konsequent geplant hatten, bevor der Putsch verkündet wurde. Stattdessen wurde der Putsch ausgerufen, während diese noch an ihren Positionen waren! Ihre Handlungen glichen eher einem Aufruhr und einem emotionalen Wutausbruch ohne Massenbasis oder eine organisierte Führungsspitze.
All dies spricht dafür, dass dieser Putsch von abenteuerlustigen, pro-britischen Offizieren als Präventivschlag gegen die erwarteten Beschlüsse des Militärrates durchgeführt wurde. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich um mehr als nur Vermutungen handelte, da der Zugang zu solchen Informationen nicht unmöglich ist.
- Die Beschuldigung gegenüber Gülen ist höchstwahrscheinlich nicht korrekt. Erstens ist die Gülen-Bewegung eher im sozialen, zivilen und juristischen Bereich tätig und verfügt nicht über die militärische Kapazität, einen Putsch ohne koloniale Unterstützung durchzuführen. Zweitens untersteht sie den Anweisungen Amerikas und handelt nicht ohne dessen Erlaubnis. Amerika sieht in Erdoğan derzeit den fähigsten Mann für seine Interessen, insbesondere da die Türkei Amerikas letzter Pfeil in der Syrien-Frage ist. Erdoğan hat den USA Dienste erwiesen, die kein anderer unter diesen Umständen leisten könnte, wie die Bereitschaft zur Normalisierung der Beziehungen zum syrischen Regime, was der türkische Ministerpräsident mit den Worten ankündigte: „Die Türkei wird ihre Beziehungen zu Syrien normalisieren.“
Gülen ist für Amerika eine Reserve für den Bedarfsfall. So unterstützte die Gülen-Bewegung die AKP bei drei Wahlen von 2002 bis 2013, als der Konflikt durch Korruptionsvorwürfe gegen Erdoğans Umfeld und die Schließung der dershane-Schulen der Gülen-Bewegung begann. Kolonialstaaten schadet es nicht, mehr als einen Agenten an einem Ort zu haben, und es schadet ihnen auch nicht, wenn diese konkurrieren oder sich gar bekämpfen. Sie unterstützen am Ende den Sieger. Dies ähnelt dem Konflikt Sadats mit der Gruppe um Ali Sabri; beide Seiten waren Amerika hörig, dennoch konnte Sadat die Sabri-Gruppe entmachten und verhaften.
So hat die Gülen-Bewegung höchstwahrscheinlich den Versuch nicht geplant. Dies schließt jedoch nicht aus, dass einzelne Mitglieder der Bewegung in ihrer persönlichen Kapazität teilgenommen haben könnten, insbesondere Richter, als Reaktion auf die Repressionen durch Erdoğan.
- Zweifellos erkennt Erdoğan, dass die Briten in der Armee noch über Kraft verfügen, auch wenn diese abgenommen hat, und dass die pro-britische Fraktion hinter dem Putschversuch steckt. Er richtet die Anschuldigung jedoch gegen Gülen, weil die Thematisierung der britischen Akteure in der Armee deren Bedeutung aufwerten würde. Sie ohne namentliche Nennung zu bekämpfen, mindert hingegen ihren Status. Gülen hingegen hat nicht dieselbe Bedeutung wie sie. Erdoğan will die Männer der Briten geräuschlos, also durch Geheimhaltung, eliminieren, damit sie nicht hervortreten und sich keine Gruppierung um sie bildet. Im Gegensatz dazu will er seinen Konkurrenten Gülen mit großem Aufsehen schwächen, da dessen Bewegung nicht über die Macht der britischen Fraktion verfügt.
Dies ist die wahrscheinlichste Sicht auf die Ereignisse. In jedem Fall war dies kein wohlüberlegter oder ausgewogener Putschversuch, sondern eher ein nervöses Abenteuer ohne Präzision. Entscheidend ist nicht nur, was geschah, sondern was danach zu erwarten ist.
- Zu den Erwartungen: Der Wirbel um den Putschversuch wird beide Seiten beeinflussen:
Einerseits werden Amerika und Erdoğan alles daransetzen, die Ereignisse zu nutzen, um die pro-britischen Kräfte in der Armee endgültig zu zerschlagen oder zumindest auf ein Minimum zu reduzieren. Sie haben das Ausmaß des Versuchs aufgebauscht, um eine massive und harte Verfolgung der Männer der Briten zu rechtfertigen. Natürlich wird Erdoğan dies auch nutzen, um seinen Rivalen Gülen so weit wie möglich zu schwächen, im Rahmen dessen, was Amerika ihm erlaubt. Die tausendfachen Verhaftungen zeugen davon.
Andererseits wird das Geschehene Großbritannien zugerechnet – auch wenn sie in ihrer typischen Hinterlist den Plan nicht selbst entworfen haben, sondern dies ihren Leuten überließen. Daher ist es nicht auszuschließen, dass Großbritannien die Lage genau beobachtet, um mit einer Gegenreaktion den Status seiner Leute wiederherzustellen. Dies ist genau das, was Amerika und Erdoğan erwarten. Deshalb berief Obama eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates ein, um die Vorfälle in der Türkei zu besprechen, als beträfen sie den Kern der nationalen Sicherheit der USA. Ebenso fordert Erdoğan die Menschen auf, auf den Plätzen, an Flughäfen und in Moscheen zu bleiben, um jeder Reaktion der pro-britischen Kräfte und ihrer Loyalisten den Weg abzuschneiden.
- Abschließend ist das Geschehene schmerzhaft, denn das Blut, das vergossen wurde, ist unser Blut, nicht das der Briten oder Amerikaner. Die Zerstörung an Gebäuden, Flughäfen und Plätzen fand in unseren Ländern statt, nicht in Amerika oder Großbritannien. So waren die Stunden dieses Versuchs eine Finsternis über der anderen in unserem Land und unter uns. Das ist betrüblich und schmerzhaft. Doch inmitten dieser Dunkelheit leuchtete ein Licht auf, wenn auch nur schwach: Die Menschen gingen auf die Straßen und riefen „Ya Allah, Ya Allah“ und „Allahu Akbar, Allahu Akbar“. Dass die Putschisten offen ihren Säkularismus proklamierten, was die Gefühle der Muslime in der Türkei provozierte, trieb diese dazu, sich Panzern entgegenzustellen, während sie zur Unterstützung ihres Deen riefen. Sie stellten sich dem Militärputsch entgegen, weniger aus Liebe zu Erdoğan und seinem System, sondern vielmehr aus Abscheu gegenüber dem Säkularismus und seinen Schergen. All dies geschah aus einem emotionalen Antrieb gegen den Säkularismus, obwohl dieser sowohl im System als auch im Putsch vorhanden ist – und Säkularismus ist überall, wo er auftritt, ein Übel. Doch sie sahen, dass der Säkularismus des Putsches ihre islamischen Gefühle besonders provozierte, da der Putsch in den Fußstapfen Mustafa Kemals und seiner Anhänger wandelte, deren Hass auf den Islam die Menschen nur zu gut kennen. Der Säkularismus des Systems hingegen ist mit einem Hauch von Islam umgeben, was ihre Gefühle beruhigt.
Wie wäre es also erst, wenn die Muslime einen Staat der Wahrheit und Gerechtigkeit hätten, ein Rechtgeleitetes Kalifat nach der Methode des Prophetentums, das sie mit Gerechtigkeit und Güte führt, die Gesetze Allahs unter ihnen umsetzt und mit ihnen den Jihad auf dem Wege Allahs führt, wodurch sie im Diesseits zu Ehre gelangen und im Jenseits erfolgreich sind? Wie wäre es dann? Sie würden ihn mit ihrem Besitz und ihrem Leben schützen, mit ihren Gefühlen und Gedanken, mit all ihrem Sein. Wahrlich, die Muslime sind eine großartige Gemeinschaft, die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht wurde:
كُنتُمْ خَيْرَ أُمَّةٍ أُخْرِجَتْ لِلنَّاسِ تَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَتَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنكَرِ وَتُؤْمِنُونَ بِاللّهِ
„Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah.“ (Sure Āl ʿImrān [3]: 110)
Bald wird sie, so Allah will, eine Herrschaft nach dem, was Allah herabgesandt hat, umschließen – ein Rechtgeleitetes Kalifat, das die Muslime unter dem Banner des Gesandten Allahs (s.a.w.) beschattet. Und dies ist für Allah nicht schwer.
- Schawwal 1437 n. H. 17.07.2016 n. Chr.