Serie der Antworten des ehrwürdigen Gelehrten Ata Bin Khalil Abu al-Rashta, Emir von Hizb ut-Tahrir, auf die Fragen der Besucher seiner Facebook-Seite „Fiqhi“
Antwort auf eine Frage
Das Konzept des Wertes (al-Qimah)
An Abu Muhammad al-Sheikh Hamid
Frage:
As-Salamu Alaikum Wa Rahmatullahi Wa Barakatuh,
Möge Allah dich segnen, unser edler Sheikh, dir beistehen und dir zum Sieg verhelfen.
Ich habe einige Fragen zum Konzept des Wertes. Der Wert ist das Maß an Nutzen, das einer Sache inneohnt, unter Berücksichtigung des Faktors der Knappheit ('Amil al-Nudrah).
- Auf welche Instrumente stütze ich mich als Experte für eine bestimmte Ware, um den darin enthaltenen Nutzen zu bestimmen?
- Wird der Nutzen nur durch eine Beschreibung definiert oder wird er in Gold, Silber oder durch Anstrengung bemessen? Falls möglich, nennen Sie bitte ein Beispiel.
- Haben diese in der Ware vorhandenen Nutzen einen eigenen Wert und wie wird dieser festgelegt?
- Wie gehe ich mit der „Berücksichtigung des Knappheitsfaktors“ bei der Bestimmung des Wertes um und in welchem Verhältnis steht er dazu?
- Gehört die Untersuchung des Wertes zum Bereich des Wirtschaftssystems (an-Nidzam al-Iqtisadi) oder zur Wirtschaftswissenschaft ('Ilm al-Iqtisadi)?
- Welche Bedeutung hat die Untersuchung des Themas „Wert“ und welche Vorteile ergeben sich daraus?
Abschließend, möge Allah euch segnen und belohnen und euch mit einem nahen Sieg unterstützen. Wahrlich, Er ist der Beschützer und dazu fähig. Allahumma Amin, Amin.
Antwort:
Wa Alaikum As-Salam Wa Rahmatullahi Wa Barakatuh.
Zu 1, 2 und 3: Was die Kenntnis des Wertes und die Instrumente betrifft, auf die man sich bei dessen Bestimmung stützt, so ist dies der Nutzen für den Menschen als Mensch im Hinblick auf die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse. Dasselbe gilt für Stoffe, die einen Eigenwert besitzen, wie Gold und Silber. Werte werden üblicherweise im Vergleich zu einer anderen Ware bestimmt und nicht durch die Höhe ihres Preises. Zum Beispiel übersteigt der Wert eines Brotlaibs den Wert eines berauschenden Mittels, selbst wenn das berauschende Mittel teurer im Preis ist, und so weiter.
Dies lässt sich wie folgt verdeutlichen: Der wahre Wert einer Ware ist das Maß an Nutzen, das in ihr enthalten ist. Dieser ist fest und ändert sich nicht, weil ihr Nutzen in der Ware selbst begründet liegt. Wenn wir den Wert in einem Geschäftsvorgang schätzen wollen, nennt man dies den „tatsächlichen Wert“ (al-Qimah al-Fi'liyyah), auf den man sich bei Rechtsstreitigkeiten beruft. Wir schätzen ihn durch eine Ware ab, die beiden Parteien zum Zeitpunkt der Schätzung bekannt ist, oder durch eine bei beiden Parteien angesehene Währung, die einen Eigenwert besitzt, wie Gold oder Silber. Wir sagen dann: „Dies entspricht so und so vielen Kilogramm Weizen“ oder „so und so vielen Gramm Gold“ oder „so und so vielen Silber-Dirhams“. Das bedeutet, dass die Schätzung des Wertes durch einen Stoff erfolgt, der einen Nutzen in sich selbst trägt. Der Wert wird also nicht durch etwas geschätzt, das keinen Eigennutzen hat, wie zum Beispiel Papiergeld. Diese Schätzung erfolgt durch den Vergleich des Nutzens der betreffenden Ware mit dem Nutzen der Dinge, nach denen wir sie zum Zeitpunkt der Schätzung bemessen haben. Unabhängig davon, ob es sich um den wahren Wert oder den tatsächlichen Wert handelt, bleibt dieser ab dem Zeitpunkt der Schätzung fest und ändert sich danach nicht mehr, da es sich um einen Wert handelt.
Zu 4: Was den Umgang mit der „Berücksichtigung des Knappheitsfaktors“ betrifft, der in der Definition vorkommt, und dessen Beziehung zur Bestimmung des Wertes, so haben wir diese Frage bereits früher beantwortet. Wir wiederholen hier den Text der Antwort:
(Die Definition des Wertes als das Maß an Nutzen in einer Ware unter Berücksichtigung des Knappheitsfaktors ist korrekt. Dass der Knappheitsfaktor nicht als Teil der eigentlichen Schätzung betrachtet wird, ist ebenfalls korrekt. Warum er dennoch erwähnt wurde, liegt an Folgendem: Die Berücksichtigung des Knappheitsfaktors ist kein Bestandteil der quantitativen Schätzung, sondern dient der Sorgfalt, der Aufmerksamkeit und dem Schutz des Wertes. Wenn du zum Beispiel einen Brotlaib hättest und seinen Wert hinsichtlich des darin enthaltenen Nutzens schätzen würdest – seine Bestandteile, Eigenschaften, Verwendungsmöglichkeiten – und sein Vorhandensein wäre knapp (nadir), dann würdest du sehr sorgsam mit ihm umgehen. Du würdest vielleicht ein Viertel morgens und ein Viertel abends essen, und so weiter am nächsten Tag. Wenn dir ein Krümel herunterfallen würde, würdest du dich beeilen, ihn aufzuheben. Wären jedoch viele solcher Brotlaibe bei dir vorhanden, so wäre der Eigennutzen in ihm zwar derselbe – also sein Wert wäre identisch –, aber du würdest nicht mit der gleichen Sorgfalt und Aufmerksamkeit darauf achten wie im ersten Fall. Du würdest vielleicht einen herabgefallenen Krümel gar nicht aufheben und den Laib samt weiteren am selben Tag verzehren. Deshalb fügte das Buch „Das Wirtschaftssystem“ bei der Erläuterung zur „Berücksichtigung des Knappheitsfaktors“ die Worte „zu jener Zeit“ hinzu. Es heißt am Ende von Seite 33 (der arabischen Ausgabe): „Denn der Wert der Ware wird nur nach dem Maß an Nutzen geschätzt, der zum Zeitpunkt der Schätzung in ihr vorhanden ist, unter Berücksichtigung des Faktors der Knappheit zu jener Zeit.“ Das heißt, die Zeit, die mit der Schätzung des Wertes einhergeht. Der Wert ist also der Nutzen in der Sache, wobei der Knappheitsfaktor aus einem anderen Grund als der Wertschätzung berücksichtigt wird: nämlich um diesen Wert zu bewahren und achtsam mit ihm umzugehen, da es aufgrund der Knappheit schwierig wäre, bei Verlust Ersatz zu finden. Diese Beachtung ist wichtig, um Werte nicht zu verschwenden, sondern sie maßvoll zu nutzen. Darüber hinaus ist die Berücksichtigung des Knappheitsfaktors nützlich für den Vergleich zwischen der Beständigkeit von Werten und der Veränderung von Preisen, die je nach Knappheitsfaktor steigen oder fallen. (21.04.2007 n. Chr.))
Zu 5: Ob der Wert zum Bereich des Wirtschaftssystems (an-Nidzam al-Iqtisadi) oder der Wirtschaftswissenschaft ('Ilm al-Iqtisadi) gehört, hängt vom Kontext der Untersuchung ab. Wenn es um das wissenschaftliche Thema an sich geht, also den Unterschied zwischen Wert (Qimah) und Preis (Thaman), dann ist dies eine Untersuchung der Wirtschaftswissenschaft. Wir sagen: Der Wert ist das Maß des Nutzens im Wesen der Ware, während der Preis das Maß dessen ist, was beim Kauf für die Ware bezahlt wird, unabhängig von ihrem Nutzen oder Nichtnutzen. Es handelt sich hierbei lediglich um einen Vergleich auf der Ebene der Definitionen.
Wenn die Untersuchung jedoch den praktischen Umgang betrifft, gehört sie zum Wirtschaftssystem. Ein Beispiel: Wenn sich ein Mann eine bestimmte Ware leiht, deren Wert 100 Gold-Dinar beträgt, und dies so im Vertrag festgehalten wird, dann ist es ihm bei der Rückzahlung gestattet, dieselbe Ware zurückzugeben oder ihm 100 Gold-Dinar zu erstatten, falls die Ware zerstört wurde. Dies liegt daran, dass der Wert fest ist und sich durch Zeit und Ort nicht ändert. Es ist ihm jedoch nicht gestattet, für die 100 Dinar eine andere Ware derselben Art für ihn zu kaufen, da sich der Preis ändert und es nicht zwingend ist, dass man für 100 Dinar exakt dieselbe Ware zurückerhält. Wenn jedoch im Vertrag eine bestimmte Ware festgehalten wurde, deren Preis 100 Gold-Dinar beträgt, dann kann er bei der Rückzahlung dieselbe Ware zurückgeben. Falls sie zerstört wurde, kann er ihm 100 Dinar geben oder für ihn eine Ware derselben Gattung für 100 Dinar kaufen – unabhängig davon, ob diese identisch, besser oder schlechter ist. Dies liegt daran, dass der Preis nicht fest ist, sondern sich nach Ort und Zeit ändert. Jedoch müssen beide Parteien die Bedeutung von Wert und Preis verstehen, andernfalls müsste die Angelegenheit durch ein Schiedsgericht oder die Justiz geklärt werden. Zur Information: Der Wert wird nur durch nützliche Waren oder eine Währung geschätzt, die einen Eigenwert besitzt, und nicht etwa durch Papiergeld, da Werte beständig sind. Der Preis hingegen kann wie der Wert geschätzt werden, aber auch durch Papiergeld, da Preise variieren. Daher ist es bei der Schätzung des Preises zulässig, die Währung in Gold, Silber oder Papiergeld anzugeben.
Zu 6: Die Bedeutung der Untersuchung des Wertes ergibt sich aus dem Unterschied zwischen dem beständigen Wert (Qimah) – begründet im Nutzen der Ware für den Menschen hinsichtlich seiner Grundbedürfnisse und in Stoffen mit Eigenwert – und dem Preis (Thaman), dessen Schätzung (hoch oder niedrig) nicht vom Nutzen der Ware abhängt. Wenn du das Thema der Festlegung der Brautgabe (Mahr) nach Wert oder Preis im Buch „Das Wirtschaftssystem“ nachschlägst sowie das oben unter Punkt (4) genannte Beispiel betrachtest, wirst du die Wichtigkeit der Untersuchung des Wertes erkennen. Sie führt dazu, dass sich wirtschaftliche Untersuchungen auf diese zwei Aspekte konzentrieren:
Wenn wirtschaftliche Untersuchungen auf die Werte fokussiert werden, wobei sich der Wert auf den Nutzen bezieht, der die natürlichen Grundbedürfnisse des Menschen deckt, sowie auf Stoffe mit Eigenwert, dann führt dies dazu, dass die Sorge der nützlichen Materie gilt. Mit anderen Worten: Die Untersuchung konzentriert sich auf das, was den Menschen nützt; dies wird zur primären Untersuchung, während die Untersuchung der Preise dem untergeordnet ist. So wird man nicht an einer schädlichen Ware hängen, selbst wenn ihr Preis hoch ist, da sie wertlos ist.
Hingegen führt die Priorisierung der Preisuntersuchung als Grundlage dazu, dass die Untersuchung der Werte dieser untergeordnet wird. Dies führt dazu, dass man nach Waren mit hohen Preisen strebt und sie als „hochwertig“ betrachtet, selbst wenn es sich um schädliche Stoffe wie Berauschendes oder Drogen handelt, nur weil sie hohe Preise erzielen und große Gewinne abwerfen.
Somit verbreitet eine ökonomische Sichtweise, die sich zuerst auf die Werte konzentriert und die Preise diesen unterordnet, das Gute und die Ruhe unter den Menschen. Eine ökonomische Sichtweise hingegen, die sich auf die Preise konzentriert und die Werte diesen unterordnet, macht aus teuren Waren „hochwertige“ Güter, obwohl sie der Gesellschaft schaden können, und verbreitet somit Übel und Elend unter den Menschen.
Ich hoffe, dass dieses Thema für dich nun klargestellt wurde, so Allah will.
Euer Bruder Ata Bin Khalil Abu al-Rashta
- Schaban 1438 n. H. 19.05.2017 n. Chr.
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